Atomstrom ist Trumpf

Je mehr Kernkraftwerke, desto besser: Das ist das Motto beim AKW-Quartett des Berliners Michael Mieß. Wer im Spiel fleißig Reaktoren sammelt, gewinnt die Runde und Wissen. Der Energiekonzern Eon findet das alles andere als super.


Hinweis: Dieser Artikel erschien erstmalig 2011 auf zuspieler.de

Im Sommer 2010 rollt Michael Mieß durch Mecklenburg Vorpommern und die Geschäftsidee in seinen Kopf. Der Berliner radelt vorbei an gelben Rapsfeldern und grünen Wiesen. Die Sonne strahlt, der Wind weht Ostseeduft über die Äcker. Mieß genießt den Ausflug aufs Land – bis er hinter dem Kurort Lubmin plötzlich absteigen muss. Ein Tor versperrt den Weg. Dahinter ragt ein graues Gebäude in den blauen Himmel: das ehemaligen Atomkraftwerk Greifswald. Kurz nach der Wende wurde es abgeschaltet. Der Rückbau dauert bis heute an. Tag für Tag legen Arbeiter die Vergangenheit still.

Zurück in Berlin legt Mieß dagegen erst richtig los. „Die Größe des Greifswalder Meilers hat mich so beeindruckt, dass ich wissen wollte, wie viele solcher Reaktoren noch in Deutschland stehen“, erinnert sich der Friedrichshainer. Das Ergebnis seiner Recherche ist das AKW-Quartett. Seit April können es Interessierte für zehn Euro kaufen. Das Spiel besteht aus 32 Karten. Um zu gewinnen, gilt es möglichst viele Quartette zu sammeln – das sind je vier Karten einer Oberkategorie. Manche kennen das Spielprinzip vielleicht noch aus ihrer Jugend. Statt Autos oder Flugzeugen vergleichen die Kontrahenten beim AKW-Quartett jedoch Kernkraftwerke.

Mega-Leistung gegen Mega-Restlaufzeit

In Deutschland konnten vor dem Moratorium 17 Atommeiler Strom produzieren. Ein Quartett muss aber aus 32 Karten bestehen. Deswegen gibt’s Spiel zusätzlich Forschungsreaktoren und stillgelegte Kraftwerke. Mieß sortierte sie in acht Oberkategorien. Der „Mega-Oldtimer“ VAK Kahl ging Anfang der 60er als erstes deutsches Atomkraftwerk ans Netz und ist längst abgeschaltet. Das KKI Isar 2 sticht mit seiner „Mega-Leistung“ hervor. Der Reaktor gewann von 1999 bis 2004 den Weltmeistertitel bei der Brutto-Jahresstromerzeugung. Andere trumpfen mit ihrer „Mega-Restlaufzeit“ auf.

Neben der Ober- finden Spieler auf jeder Karte fünf Unterkategorien: zum Beispiel den „Betriebsbeginn“, die „Bruttoleistung“ oder das Jahr der „(geplanten) Abschaltung“. Einige der Angaben sind inzwischen veraltet. Während der Spielkartenhersteller ASS Altenburger das Quartett druckte, wankte in Japan die Erde. In Fukushima explodierte das Kernkraftwerk und in Berlin stürzten scheinbar in Stein gemeißelte Überzeugungen ein. Bundeskanzlerin Angela Merkel verkündete ein Moratorium. Das KKP Philippsburg 1 ist seitdem vom Netz, vorübergehend. Im AKW-Quartett steht als geplanter Abschalttermin noch das Jahr 2020. Die „Störfälle“ sind ebenfalls auf dem Stand Ende Februar. Mieß fügte die Daten hinzu, damit winzige Forschungsreaktoren gegen riesige Meiler eine Chance haben. In der Kategorie gewinnt nicht die höchste, sondern die niedrigste Zahl. „Das hält das Quartett spannend“, sagt der Spiele-Erfinder.

Mieß lehnt Atomkraft ab. Er favorisiert erneuerbare Energien. Seine Diplomarbeit schrieb er über Biogas. Sein Wunsch: Alle Menschen sollten sich Gedanken über die Vor- und Nachteile von Kernenergie machen. Mit dem AKW-Quartett will er ihnen dabei helfen. Er recherchierte für jedes Kraftwerk eine Anekdote. Einige davon sind meldepflichtige Ereignisse. 1975 kam es im KGR Greifswald zu einem Zwischenfall. Die Ursache: Ein Elektriker wollte seinem Lehrling zeigen, wie man Schaltkreise überbrückt. Andere Kurzgeschichten präsentieren ungewöhnliche Fakten. Das GKN Neckarwestheim erzeugt zum Beispiel als einziges deutsches Kernkraftwerk Strom fürs Bahnnetz.

„Daten schlecht recherchiert“

Mieß hofft, dass die Informationen zum Nachdenken anregen: „Die Frage, wie wir in Zukunft Elektrizität produzieren, ist so wichtig, dass sich jeder damit auseinandersetzen sollte. Wenn Menschen das getan haben und Atomenergie befürworten, ist das für mich auch in Ordnung. Hauptsache, sie begründen ihre Meinung.“ Carsten Thomsen-Bendixen verdient genau damit sein Geld. Er ist Pressesprecher des Energiekonzerns Eon und von dem Quartett nicht begeistert. Seine Kritik: „Die aufgedruckten Daten sind schlecht recherchiert.“ Ein meldepflichtiges Ereignis sei noch lange kein Störfall, die Oberkategorie „Mega-Störfälle“ sei falsch. So etwas habe es in Deutschland noch nicht gegeben. „Das Unglück in Fukushima stufen Experten auf der internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse INES mit 7 ein. Das schlimmste meldepflichtige Ereignis in Deutschland erreichte die Stufe 2“, sagt Thomsen-Bendixen. In der Tat entsprechen laut Bundesamt für Strahlenschutz alle 103 meldepflichtigen Ereignisse aus dem Jahr 2009 der INES-Stufe 0. Von einem Störfall sprechen Spezialisten erst ab Stufe 1, von einem Unfall ab Stufe 4. Mieß weiß das. „Ich habe mich trotzdem für das Wort ,Störfall’ entschieden, weil es ein allgemeinüblicher Begriff ist.“

Dem Absatz schadet die sprachliche Ungenauigkeit anscheinend nicht. Das AKW-Quartett ist seit April auf dem Markt. Bisher haben es etwa 350 Menschen gekauft. Damit die Nachfrage weiter steigt, hat Mieß eine App für das iPhone veröffentlicht. Unter akw-quartett.de können Interessierte sie kostenlos herunterladen. Es handelt es sich um eine abgespeckte Version mit 24 Karten. Außerdem kann man nur mit dem Computer um den Sieg kämpfen. Wer gegen echte Menschen spielen will, muss zum Original greifen. Das macht eh mehr Spaß und ist umweltfreundlicher – schließlich funktioniert es ohne Strom.

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