Sommerstraßen: Mehr Bürgerbeteiligung durch Kartenspiel

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Manchmal entfacht Bürgerbeteiligung einen Sturm der Leidenschaft. Dann äußern zahlreiche Menschen Kritik, Lob und Ideen. Manchmal entfacht Bürgerbeteiligung nicht mal ein laues Lüftchen. Dann herrscht windstille, niemand interessiert sich dafür. Ein Kartenspiel soll verhindern, dass das passiert – vor allem bei der Einrichtung von Sommerstraßen.


Bücher, Unterrichtsmaterialien, Informationen
Auf Plätzen und Straßen, in Schulen und Universitäten, am Arbeitsplatz, im Internet: Viele Bürgerinnen und Bürger haben Lust, bei politischen Diskussionen mitzureden und sich zu engagieren. Im Informations-Portal zur politischen Bildung finden Interessierte Hinweise auf Bücher zum Thema, Unterrichtsmaterialen und Tipps für die Praxis. Die Plattform wird von der Bundesarbeitsgemeinschaft Politische Bildung Online (BAG) betrieben. Ihre Mitglieder sind die Landeszentralen für politische Bildung.

Platz für Menschen statt für Autos: Das ist die Idee hinter Sommerstraßen. Dabei werden Straßen zeitweise für Autos gesperrt und für Menschen geöffnet. Jung und Alt kann dann dort flanieren, spielen und plauschen. Sommerstraßen existieren in Stockholm seit 2015. Auch in Paris gibt es bereits verkehrsfreie Tage in verschiedenen Vierteln. Mal sind Straßen nur im Sommer gesperrt, mal das ganze Jahr an Sonn- und Feiertagen, mal an bestimmten Tagen des Monats.

Im Sommer 2019 startete auch in München ein Pilotprojekt. Damals wurde in Obergiesing im Bereich des südlichen Alpenplatzes eine Straße teilweise für den Verkehr gesperrt. Die Stadt stellte Pflanzen, Stühle und Enzis auf, großen Sitzgelegenheiten aus Hartplastik. Das Pilotprojekt kam gut an und wurde 2020 fortgesetzt. Vierzehn Straßenabschnitte verwandelten sich im Corona-Sommer in verkehrsberuhigte Gebiete. Diesmal fiel die Resonanz jedoch unterschiedlich aus. Einige Straßen wurden rege genutzt, andere nicht.  „Wir fanden es schade, dass die vorgeschlagenen und von der Stadtverwaltung freigegebenen Straßen nicht bei allen Anklang fanden“, sagt Eric Treske. Zusammen mit Deniz Köse leitet er Intrestik. Das Unternehmen unterstützt und begleitet Kommunen bei der Entwicklung und Einführung sozialer Innovationen. Dabei setzen die Beraterin und der Berater oft auf verspielte Methoden.

Kartenspiel soll Impulse geben und Debatten strukturieren

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Treske und Köse wünschen sich mehr Akzeptanz für Sommerstraßen in Deutschland. Deshalb haben sie ein Kartenspiel entwickelt, das sie als Dialogwerkzeug bezeichnen. Das trifft es ganz gut, denn strenggenommen, handelt es sich nicht um ein klassisches Gesellschaftsspiel. Es ist weder zweckfrei noch von der realen Welt losgelöst. Ganz im Gegenteil: Das Kartenspiel soll Impulse für Diskussionen geben, Debatten strukturieren und dabei helfen, konkrete Vorschläge für Sommerstraßen zu erarbeiten.

Sechs Menschen braucht es idealerweise. In jeder der vier Spielphase liegen mehrere Karten aus. Die Spielerinnen und Spieler wählen eine oder zwei davon aus, diskutieren über die Fragen darauf und einigen sich auf Antworten. In der ersten Phase steht die Frage nach Art der gewünschten Sommerstraße. Sollen dort Kinder spielen? Will man Oasen der Ruhe? Soll Raum für Kunst geschaffen werden? Oder legt man einen Sommergemüsegarten an? Alles sei möglich, allerdings müsse eine von allen getragene Einigung her. In einer weiteren Phase schauen Spielerinnen und Spieler auf die Rahmenbedingungen vor Ort, zum Beispiel Schatten, Wasserquellen, Einzelhandel oder den Straßenbelag. Auch Grenzen kommen ins Spiel, zum Beispiel Parkplätze, die es schwer machen, Autos von der Straße zu verbannen. So nähere man sich gemeinsam Möglichkeiten an, die Straßen bieten.

Am Ende, nach etwa 45 Minuten, wurden idealerweise folgende Informationen erspielt: ein Titel für den Vorschlag, eine kurze Beschreibung der Idee, eine konkrete Straße, eine Begründung, warum der Vorschlag gut sowie nützlich ist und breite Akzeptanz finden wird und was im Idealfall passiert, wenn der Vorschlag umgesetzt wird. Die durch das Kartenspiel erarbeiteten Vorschläge sollen anschließend auf digitalen Beteiligungsplattformen eingetragen werden. „Wir sind Realisten und wissen, dass man nicht mit der gesamten Nachbarschaft spielen kann. Um die Ergebnisse mit Menschen zu diskutieren, die nicht an den Spielrunden teilgenommen haben, wäre es ideal, die Ergebnisse auf eine digitale Plattform zu stellen. So kann man mehr Menschen – und noch dazu öffentlich – in die Diskussion einbeziehen“, sagt Treske. „Das hinter dem Spiel stehende Dialogkonzept eignet sich nicht nur zur Qualifizierung der Sommerstraßen, sondern kann jederzeit auch auf die Entwicklung anderer Stadträume angepasst werden zum Beispiel die Entwicklung und Platzierung von Parkelets“, ergänzt er. Parkelets sind Möbel im öffentlichen Raum, die oft auf ehemaligen Parkplätzen stehen.

Wirtschaftsreferat München unterstützt Crowdfunding-Kampagne

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Bevor es soweit ist, müssen Köse und Treske einen Sturm der Begeisterung für ihr Kartenspiel entfachen. Damit das klappt, haben sie auf Startnext eine Crowdfundingkampagne gestartet. Aktuell haben elf Personen 305 Euro zum Projekt beigetragen, 3.600 Euro werden benötigt. Das Münchner Wirtschaftsreferat unterstützt die Idee. „Die Stadt hat sich an der Erstellung der Kampagne beteiligt. Sie hat 75 Prozent der Kosten in Höhe von 1.800 Euro übernommen, die durch Grafik, Video oder Lektorat entstanden sind, um die Kampagne professionell einzustellen. Wir haben außerdem eine Beratung erhalten, wie man solch eine Kampagne aufsetzt und was zu beachten ist“, sagt Treske.

Warum sollte jemand das Projekt unterstützen? Die Antwort auf diese Frage lautet bei Startnext:

Ausgestattet mit den Argumenten aus einem Spieldurchlauf fällt es leichter, in der Politik und Verwaltung gezielt für die gemeinsam ausgewählten Straßen zu werben. Kommunale Verwaltungsstellen können vom Einsatz unseres Tools ebenfalls profitieren, weil sie dadurch mit den unterschiedlichsten Bürgerinnen und Bürgern ins Gespräch kommen. Sie erreichen eine größere Akzeptanz in der Bevölkerung und dies mit geringem Aufwand. In der Kombination mit digitalen Beteiligungsportalen wirkt unser Kartenspiel optimal.

startnext.com/sommerstrassen

Und was, wenn die benötigte Summe nicht zusammenkommt? „Wir haben schon diskutiert, ob wir dann nicht die Unterlagen einem der Vereine und Verbände kostenlos zur Verfügung stellen, die uns über ihre Newsletter oder Social-Media-Auftritte empfohlen und unterstützt haben. Das kleine Problem dabei ist, dass das Spiel zwar zu 80 Prozent fertig ist, aber die Finalisierung noch einen gewissen Aufwand bedeutet. Ich weiß aktuell nicht, ob wir das nebenbei schaffen werden. Wir müssen noch im Team diskutieren, ob wir in diesem Fall zumindest die Texte finalisieren können, dann aber ohne graphische Gestaltung“, sagt Treske.