Rassismus-Diskussion: Der Fall Daniele Tascini

Facebook-Beitrag von Daniele Tascini

Für das Internet kommt dieser Artikel wahrscheinlich viel zu spät. Schließlich behandelt er ein Ereignis, das vor mehr als einer Woche begann. Es geht um einen italienischen Facebook-Beitrag des Spieleautoren Daniele Tascini und die Reaktionen darauf. Wir dokumentieren die Ereignisse und beantworten die wichtigsten Fragen dazu.


Vorbermerkungen
kulturgutspiel.de verurteilt jede Form von Rassismus sowie Diskriminerung und unterstützt bewusst die Initiativen Spielend für Toleranz und Hier spielt Vielfalt.

Im Fall Tascini wird stark darüber diskutiert, wie man Negri in andere Sprachen übersetzt. Damit alle wissen, über welche Wörter wir konkret sprechen, schreiben wir in diesem Beitrag Neger, Nigger oder Negri aus und verzichten auf die Abkürzung N-Wort.

Jede Person kann und soll sich eine eigene Meinung zum Fall Tascini bilden. Das geht aber nur, wenn man alle relevanten Kommentare oder Stellungsnahmen vollständig kennt. Aus diesem Grund fassen wir diese nicht zusammen, sondern dokumentieren sie komplett. Wenn möglich, verlinken wir Quellen. Den italienischen Kommentar von Tascini haben professionellen Übersetzerinnen für uns übersetzt. Englische Beiträge veröffentlichen wir in der Originalsprache.

Alle Zeitangaben sind in Mitteleuropäische Zeit (MEZ).

Selbstverständlich haben wir auch Tascini angeschrieben. Er hat auf unsere Anfrage geantwortet, möchte sich aber aktuell nicht weiter öffentlich äußern.

Wir haben uns keine abschließende Meinung zu dem Fall gebildet und verzichten daher auf einen Kommentar.

Wer ist Daniele Tascini?

Tascini ist ein italienischer Spieleautor. Zwischen 2012 und 2015 erschienen von ihm und Simone Luciani  unter anderem Sheepland (Cranio Creations), Tzolk’in: Der Maya-Kalender (Czech Games Edition) und Auf den Spuren von Marco Polo (Hans im Glück). Im Jahr 2018 erschien Teotihuacan: Die Stadt der Götter (früher NSKN Games, jetzt Board&Dice). Sein aktuellstes Spiel, Tekhenu: Der Sonnenobelisk, hat er zusammen mit Dávid Turczi entwickelte. Es erschien 2020 ebenfalls bei Board&Dice.


Was war der Stein des Anstoßes?

Ein Facebook-Beitrag von Tascini in italienischer Sprache. Wann genau der Beitrag veröffentlicht wurde, lässt sich nicht nachvollziehen, denn er wurde gelöscht. Es existiert aber ein Bildschirmfoto davon, das Jeremy Howard vom YouTube-Kanal Man vs Meeple am Samstag, 16. Januar, 21:54 Uhr, in der Facebook-Gruppe BoardGameGeek veröffentlicht hat.

Daniele Tascini: Facebookbeitrag in italienischer Sprache.

Tascini hat bisher nicht abgestritten, den Beitrag so veröffentlicht zu haben. Es ist also davon auszugehen, dass das Bildschirmfoto nicht manipuliert wurde.

Was steht in dem Facebook-Beitrag?

Da nur wenige Personen in der weltweiten Spielebranche italienisch beherrschen, hat Howard nicht nur den italienischen Originalbeitrag veröffentlicht, sondern auch eine englische Übersetzung davon.

Daniele Tascini: Facebookbeitrag in italienischer und englischer Sprache.

Wer den Beitrag ins Englische übersetzt hat und ob die Übersetzung korrekt ist, ist unklar. Wir haben Anja Heinisch und Katrin Pougin beauftragt, Übersetzungen des Beitrags anzufertigen. Heinisch ist staatlich geprüfte Übersetzerin für Italienisch und ermächtigt, für Gerichte und Notare in Hessen zu übersetzen. Sie übersetzt den Beitrag wie folgt:

Wurden die Orks denn immer schon als dunkle Wesen dargestellt???? (Symbol der Nachdenklichkeit) Das ist der Beweis für die Böswilligkeit oder die starke Kurzsichtigkeit desjenigen, der diese Behauptungen unterstützt … Seit jeher unterscheidet man in der Fantasy-Literatur zwischen Licht und Dunkelheit!!! Danach ist alles, was schlecht ist, dunkel … Aber kann man hieraus eine Analogie ableiten zu der dunklen Hautfarbe von Afrikanern DIE NICHT SCHWARZ IST, VERDAMMT NOCH MAL!!! … tatsächlich reicht sie von einem hellen Beige – üblicherweise sehr viel heller als bei einem gebräunten Italiener – bis zu einem dunklen Braun … Ich würde sie auch nie SCHWARZE nennen, da sie nicht SCHWARZ sind. Ich habe sehr viele afrikanische Freunde und grundsätzlich ist ihre Herkunft kein Thema, wenn ich sie anrede. Warum sollte ich denn ein Merkmal wie Herkunft oder Rasse herausstellen??? Aber freundschaftlich unter uns nenne ich sie schon Neger und sie fühlen sich nicht beleidigt, weil ja die Bedeutung JEDES Wortes davon abhängt, …*

* Anmerkung der Übersetzerin: Hier endet der Text mitten im Satz. Es fehlt der Teil mit der Angabe, wovon die Bedeutung jeden Wortes abhängt.

Katrin Pougin ist staatlich anerkannte und vom Oberlandesgericht Hamm ermächtigte Dolmetscherin und Übersetzerin. Sie übersetzt den Beitrag wie folgt:

Die Orks wurden schon immer als Schwarze dargestellt??? [fragender Smiley]
Das ist ein Beweis für die Böswilligkeit oder die grobe Kurzsichtigkeit von allen, die solche Argumente vorbringen…
Die Unterscheidung, die im Fantasy gemacht wird, war schon immer die zwischen Licht und Dunkelheit!!!! Daher ist alles, was böse ist, dunkel. Eine Analogie mit der dunklen Hautfarbe der Afrikaner, herstellen zu wollen, DIE NICHT SCHWARZ IST, VERDAMMT NOCH MAL [1 ]!!!, sie reicht von einem hellen Beige, das in der Regel viel heller ist als bei einem sonnengebräunten Italiener, bis zu einem dunklen Braun … Und ich werde sie nie als als SCHWARZE bezeichnen, weil sie nicht SCHWARZ sind.
Ich habe sehr viele afrikanische Freunde und nicht [sic!] im Allgemeinen bezeichne ich sie nicht nach ihrer Art [2 ], warum sollte ich eine Art [2] oder Rasse unterscheiden??? Aber unter uns als Freunden nenne ich sie Neger, und sie sind nicht beleidigt, denn – noch mal – die Bedeutung JEDES Wortes hängt ab…

[1] Wörtlich lautet der vorstehende Ausruf „Schweine-Onkel“, auf Italienisch „porco zio“, ein versteckter Fluch anstelle von „porco Dio“, wörtlich „Gott-Schwein“. Es gibt im Italienischen zahlreiche solcher versteckten Fluchworte, die verwendet werden, um blasphemische Äußerungen (die auch strafrechtlich verfolgt werden können) zu vermeiden. Siehe z. B. https://de.wikipedia.org/wiki/Fluchwort. Anmerkung des Übersetzers. Alle Anmerkungen und Einfügungen des Übersetzers sind in eckige Klammern gesetzt.
[2] Das hier verwendete Substantiv „genere“ hat mehrere Bedeutungen, die alle relativ allgemein gehalten sind, sodass eine sichere Zuordnung schwierig ist: Art, Gattung, Genre, Gender

Das Wort, an dem sich die Diskussion entzündet hat, übersetzen beide Frauen mit Neger. Die zwei unterschiedlichen Übersetzungen zeigen aber auch, wie schwer es ist, Beiträge (und vor allem Zwischentöne) in eine andere Sprache zu übersetzen.

In welchem Kontext erschien der Beitrag?

Das ist nicht bekannt. Es existiert nur das Bildschirmfoto des Beitrags. Kommentare, die eventuell vor oder nach dem Beitrag veröffentlicht wurden, fehlen, ebenso die Reaktionen darauf (Gefällt mir/Wütend/Wow/…). Es ist auch nicht bekannt, wo auf Facebook der Beitrag erschien, worum sich die Diskussion drehte oder wer neben Tascini mitdiskutierte. Eine dritte Übersetzerin hat aus diesem Grund den Auftrag abgelehnt. Sie schrieb.

Ich habe mir den Text nochmal in Ruhe angesehen und finde es ein bisschen schwierig, ohne Kontext bestimmte Bezeichnungen (wie auch orchi) zu deuten. Da ich an dieser Stelle auch keinem irgendwelche Wörter in den Mund legen möchte, die möglicherweise anders gemeint sind, würde ich in diesem Fall doch lieber von einer Übersetzung absehen, tut mir leid.

Dennoch möchte ich auf Ihre Frage zu nero und negro zurückkommen. Diese Wörter werden laut italienischem einsprachigem Wörterbuch folgendermaßen definiert:

Aktuelle Verwendung / aktueller Sprachgebrauch: negro (entsprechend dem Angloamerikanischen: nigger) – abwertend verwendet., bevorzugt für die „schwarze Bevölkerung“ verwendet man nero (englische Entsprechung black und im franz. noir).

Warum veröffentlichte Howard das Bildschirmfoto?

In seinem Facebook-Beitrag schrieb Howard am 16. Januar um 21:54 Uhr, dass er extrem enttäuscht und verletzt von einem seiner Lieblingsautoren sei. Er habe Prinzipien, die er für Brettspiele nicht verbiegen könne.

This message was shared with me. It is from one of my favorite designers period Daniele Tascini „T game“. I want you to know several things after you read this.

1. I don’t wake up looking for people to screw up. Im extremely disappointed and hurt like some of you may be.

2. He „regularly“ uses the N word around his African friends
-there are a small group of folks who sign off on this. If you know how the vast majority of black people with be either turned off or angry by the use of that word, just don’t use it. Don’t put yourself in danger. Plenty of words in the English language to use.

-If you want to use that word, you better not step outside with that energy…for your safety and your friends.

-African and African Americans can sometime contribute to the normalization of this derogatory term by allowing it to be said. Its even worse when they allow white people to think it’s cool.

I’m just deeply hurt by this. Some of my favorite games are designed by him. I have principles that I just can’t bend for board games. I will not cosign for this behavior. I don’t expect anyone to throw games out. This is meant to inform you. I’m angry inside, but I’m used to this as a 42 year old.. thats what’s most unfortunate. I can’t ESCAPE to a board game like some others can.Take care

Wie reagierte Tascini auf die Kritik an seinem Beitrag?

Diskussionen eskalieren im Internet bekanntlich schnell. Tascini kontaktierte Howard, auf welchem Weg ist unbekannt, und exklärte ihm, er sei kein Rassist. Ganz im Gegenteil: Sein Beitrag verurteile Rassisten. Howard aktualisiere daraufhin seinen Beitrag am 16. Januar um 23:05 Uhr und schrieb:

Update: Daniele has contacted me and explained his position that he is not a racist and his statements were to condemn racist. Some of his other explanations really don’t jive with me. Excusing Italian or Italy for their social norms is not how the world works. Also the example used is also not the move. Im still struggling with this, but I give him some credit for not reaching out to me in anger.

Sieben Minuten nach dem Update veröffentlichte Tascini am 16. Januar um 23:12 Uhr auf seiner privaten Facebook-Seite eine Entschuldigung in englischer Sprache. Darin schrieb er, sei schockiert, wie sich seine Worte auf Englisch ohne Kontext lesen (genaugenommen schreibt er „contest“, also Wettbewerb; gemeint ist aber sehr wahrscheinlich „context“, also Kontext). Tascini schreibt weiter, dass rassistische Aussagen und Äußerungen nicht zu ihm und nicht zu unserer Gesellschaft gehörten und dass jede Form von Rassismus verurteilt werden müsse.

My name is Daniele Tascini and I am deeply ashamed of what happened earlier today. I was especially shocked to see how my words read in English, after taken from a totally different contest and being translated from Italian. Racist statements and sentiments DO NOT BELONG TO ME and anywhere in our society, and particularly not in a hobby that celebrates diversity and embraces everyone regardless of race, culture, religion, or sexuality. ALL FORM OF RACISM MUST BE CONDEMNED! And I fight against it with any mean and everywhere I can! But I really apologize to everyone who has been hurt by my words. Expecially because they originally meant the total opposite of what they appear to be.

I also apologize to all fans of the games I have designed or co-designed, the publishers and others I have worked with. By my words, I have let you down. You should be able to expect more from me, and I realize now the hurt and damage I have caused.

We live in a time when the words we say are very important and the impact goes well beyond our personal sphere. As a prominent board game designer I have the responsibility to set an example by my words and actions. So even though I never meant to hurt anyone I have to take my responsability because it happened.

And I have to learn how to use my words when addressing the complex racial issue which impact our world to avoid missunderstanding, and not make such statements again.

My sincerest apologies. I ask for your forgiveness

Wiederum 22 Minuten später aktualisierte Howard seinen Beitrag erneut und schrieb am 16. Januar um 23:34 Uhr:

Update 2: the designer has made a statement on his behalf. You can read it and decide for yourself. I’ve read several apologies like this before. When words get caught up, you gotta save face a bit. I apologize YOU FEEL THAT WAY is often the route to take. I have to take this statement with a grain of salt at this point. I’ve had half Italian speakers go both ways on this and that validates most of my reaction. Just for clarity, I didn’t wake up at the ready to trash one of my favorite designer EVER!

Wie reagierten Verlage auf den Beitrag?

Einen Tag später, am Sonntag, 17. Januar, veröffentlichte Board&Dice um 11:33 Uhr auf seiner Faebook-Seite einen Link auf ein Statement, das auf den 16. Januar datiert ist. Der Verlag schrieb darin unter anderem, dass Tascinis Äußerungen rassistisch und seine Entschuldigung unzureichend seien. Der Verlag kündigte außerdem an, zukünftig keine Spiele mehr von Tascini zu veröffentlichen.

Unter dem Beitrag erschienen zahlreiche Kommentare. Aus diesem Grund veröffentlichte Board & Dice am 19. Januar, 00:36 Uhr, folgenden Kommentar unter dem Beitrag.

We understand that emotions are running high in the aftermath of these news. Feelings have been hurt by those affected by Tascini’s racist and sexist remarks [alle farbliche Hervorhebung durch die kulturgutspiel.de-Redakion], and the subsequent dismissal of the gravity of such words by his supporters. On the other hand, his supporters are dismayed to see Tascini accused of racism and sexism and feel the need to come to his support.

WE INVITE ALL TO PARTICIPATE IN CORDIAL DISCUSSION. WE WILL DELETE ALL POSTS WHICH ATTACK ANOTHER INDIVIDUAL OR WHICH USE LANGUAGE UNSUITABLE FOR MINORS.

As a publisher, we stand by our decision. It this causes some of you to no longer support us, while we are sad to see you go, we respect your decision. We also pledge to continue making great games in the future.

Der Kommentar wurde am gleichen Tag um 00:42 und 12:04 bearbeitet. Dabei wurde die Sexismus-Bezüge entfernt. Aktuell lautet der Kommentar wie folgt.

We understand that emotions are running high in the aftermath of these news. Feelings have been hurt by those affected by Daniele Tascini’s remarks, and the subsequent dismissal of the gravity of such words by his supporters. On the other hand, his supporters are dismayed to see Daniele Tascini accused of racism and feel the need to come to his support.

WE INVITE ALL TO PARTICIPATE IN CORDIAL DISCUSSION. WE WILL DELETE ALL POSTS WHICH ATTACK ANOTHER INDIVIDUAL OR WHICH USE LANGUAGE UNSUITABLE FOR MINORS.

As a publisher, we stand by our decision. It this causes some of you to no longer support us, while we are sad to see you go, we respect your decision. We also pledge to continue making great games in the future.

Am 19. Januar, 10:55, veröffentlichte auch Hans im Glück einen Facebook-Beitrag und verlinkte darin zu einem Statement auf der Verlagshomepage, das auf den 18. Januar datiert ist. Hier die Erklärung im Wortlaut.

Statement zu rassistischen Äußerungen
18.01.2021

Uns wurde eine Diskussion (stückweise) zugespielt, in der sich ein Autor der Marco Polo-Reihe (Daniele Tascini) rassistisch geäußert hat.

Wir wollen klarstellen, dass wir uns in keiner Weise damit identifizieren und distanzieren uns klar von dieser Aussage.

Es gibt keinen Grund, bestimmte Wörter zu nutzen. Alle Entschuldigungen dafür, dienen lediglich der Absicherung eigener, weißer Privilegien.

Wir alle sollten uns dem Zusammenhalt widmen und dies bedeutet auch, sich mit der eigenen Vergangenheit zu beschäftigen. Da haben wir, als weiße Europäer eine Schuldigkeit, derer wir uns klar sein müssen. Nur wenn wir dies akzeptieren, können wir eine faire Zukunft schaffen.
Die von Hr. Tascini versuchte Entschuldigung zeigt leider, dass diese Akzeptanz nicht vorliegt und er nicht verstanden hat/verstehen will, dass das Problem vom weißen Alltagsrassismus ausgeht.

Die Marco Polo-Reihe werden wir nicht weiter auflegen und alle bestehenden Bestellungen unserer Vertriebspartner (wir vertreiben unsere Spiele nicht selber) stornieren. Solange wir nicht das Gefühl haben (und dies von Daniele Tascini öffentlich gemacht wurde), dass hier wirkliche Einsicht, und eine ehrliche Entschuldigung vorliegt, werden wir daran auch nichts ändern. Ebenso werden wir natürlich keine neuen Projekte mit ihm verwirklichen.

Dafür möchten wir uns bei den Co-Autoren: Simone Luciani, dem Studio Giochi, sowie den HiG-internen Autoren, entschuldigen. Wir glauben, dass die Spiele selber keine anstößigen Inhalte haben. Wenn doch, so weist uns bitte darauf hin.

Daher bitten wir euch auch, die kleinen Händler -welche sowieso schon eine schwierige Zeit haben- nicht dafür zu bestrafen und Spiele dieser Reihe trotzdem zu kaufen.

Wir werden sämtliche Einnahmen die der Hans im Glück Verlag für diese Reihe ab jetzt bekommt, an eine oder mehrere Organisationen zu spenden, welche sich dem Thema Rassismus widmen.

Für welche Organisation wir uns entschieden haben, veröffentlichen wir in Kürze hier: https://www.hans-im-glueck.de/verlag/soziales-engagement.html

Für den Hans im Glück Verlag

Moritz Brunnhofer

Der Schwerkraft-Verlag, der in Deutschland das Spiel Teotihuacan vertreibt, hat sich bislang nicht öffentlich zu dem Vorfall geäußert. Auch unsere Presseanfrage blieb unbeantwortet. Frank Noack vom Verlag Giant Roc, der in Deutschland Tekhenu vertreibt, beantwortete unsere Anfrage dagegen.

Board&Dice sowie Hans im Glück haben sich von den Aussagen von Daniele Tascini distanziert. Plant Giant Roc das auch zu tun?
Frank Noack: Wir haben es schon getan, allerdings ohne da ein riesiges Brimborium drumherum zu machen, da wir bereits in der Vergangenheit sehr klare Statements zu den Themen Diversität und Black Lives Matter getätigt haben. Ganz speziell zum aktuellen Fall habe ich mich daher nur hier geäußert, was man durchaus auch als öffentliche Äußerung von Giant Roc verstehen kann:
https://www.spiele-offensive.de/index.php?cmd=forum&topic=13539&na=1&ni=1.

Dazu eine Anmerkung: Was ich in der allgemeinen „Berichterstattung“ zu dem Thema sehr komisch finde ist, dass überall berichtet wurde, die Zusammenarbeit mit Tascini wurde von den Verlagen jeweils beendet. Dabei hat jeder einzelne Verlag bisher sehr deutlich gemacht, dass man sich eine weitere Zusammenarbeit wünscht. Allerdings ist es dazu nötig, dass Herr Tascini sich glaubwürdig entschuldigt und einsichtig zeigt. Leider ist das bisher ausgeblieben, was mich ehrlich gesagt, am meisten gewundert hat.

Wird Tekhenu – Der Sonnenobelisk weiter bei Giant Roc erhältlich sein? 
Wir haben, wie auch Board and Dice, entsprechende Verträge, die uns auch verpflichten, diese Spiele weiterhin zu supporten und zu vermarkten, solange sie einen Markt haben. Von daher wird es die Spiele auch weiterhin im Sortiment von Giant Roc geben. Allerdings werden keine neuen Spiele bzw. Spielefamilien hinzukommen, bis sich Herr Tascini entsprechend einsichtig gezeigt hat und sich des tieferliegenden Problems seines Verhaltens bewußt ist, er sich aufrichtig entschuldigt hat und aktiv daran arbeitet, derartiges Verhalten nicht nur zu unterlassen, sondern auch zu bekämpfen. Als Spieleverlage wollen wir (Giant Roc, Board and Dice und vermutlich auch Hans im Glück) nunmal nicht mit Partnern zusammenarbeiten, die unsere Werte nicht teilen.

Wie hat der Rest der Spieleszene reagiert?

Zahlreiche Blogger, Spieler, Autoren und Branchengrößen haben sich zu dem Vorfall geäußert. Hier nur eine kleine Auswahl der Reaktionen.

Peer Sylvester veröffentlichte am 17. Januar den Artikel Rassismus und Spiele auf spielbar.com. Darin schreibt er unter anderem, dass es auch wichtig sei, latenten Alltagsresismus klar und öffentlich zu benennen.

Das betrifft insbesondere diejenigen mit großer Reichweite: Verlage, Jurymitglieder und Blogger/Youtuber/podcaster (die leider immer noch zu oft Mechanismen und Spielspaß über thematische Entgleisungen stellen), aber auch Autoren, die sich ihrer Rolle als Kulturschaffenden mehr bewusst sein müssen, als sie es jetzt vielleicht tun. Tascini ist bereits vorher dadurch aufgefallen, dass er sich über die komplizierten Schreibweisen Aztekischer Namen lustig machte und dass die Themen seiner Spiele untergegangene Kulturen nur als Spielplatz wahrnimmt, wo er sich beliebig austoben kann, ohne groß recherchieren oder Rücksicht nehmen zu müssen. Das hätte man auch vor den deutlicheren Entgleisungen schon einmal be- und anmerken können.

Der Spieleautor Eric M. Lang thematisiert in einem Beitrag auf seiner Facebook-Seite am 17. Januar um 18:14 den Aspekt „Cancel Culture“. Er schreibt unter anderem, dass Verlage ständig Beziehungen mit freien Mitarbeitern beendeten. Das sei eine geschäftliche Entscheidung, der man zustimmen könne oder nicht, je nachdem, was man für richtig halte.

Tascini - Eric M. Lang

Dominique Metzler, Geschäftsführerinn der Messe Spiel, zeigt sich auf Facebook irritiert. Sie schreibt in einem Beitrag am 20. Januar um 08:28 Uhr, dass sie persönlich sich nicht in eine Hetzjagd einreihen werde. Sie wolle außerdem nicht die Mitschuld tragen, ein Leben vollends ruiniert zu haben.

Tascini - Dominique Metzler

Das sieht auch Axel Bungert so. Er schreibt am 22. Januar im Artikel Rassismusvorwürfe gegen Daniele Tascini auf Reich der Spiele:

Hans im Glück hat ein lebhaftes Beispiel dafür gezeigt, wozu die Haltung gegen Rassismus nicht führen darf. Der gesellschaftliche Zusammenhalt was Rassismus und Gewaltverzicht angeht ist unbestritten und muss konsequent vertreten werden. Vordergründige Anschuldigungen, die zu Diffamierung und im Resultat damit zu Ausgrenzung führen, sind hingegen nicht nur abzulehnen, sondern konterkarieren Absicht und Sinn von sozialem Miteinander. Jeder, der sich im Netz äußert, muss sich über die Folgen und damit seiner Verantwortung im Klaren sein.

Der Spieltroll sieht das anders und veröffentlichte am 24. Januar auf seinem Blog den Artikel Rassismus und Spiele – Der Fall Tascini. Darin thematisiert er auch die Frage, ob man Werk und Autor trennen könne. In dem Artikel steht unter anderem:

Ich verstehe die Handlungsweise von Board & Dice und Hans im Glück sehr gut, denn wenn diese öffentlich Schweigen, so könnte ihnen dies als Zustimmung, Verharmlosung oder Duldung vorgeworfen werden. Sie kommen damit ihrer Verantwortung nach und ihre Reaktionen sind gerechtfertigt. Auch die Empörung und Kritik der Gamerszene ist vollends gerechtfertigt.

Hilko Drude beschäftigt sich im Artikel Die Spieleszene und ihr Umgang mit rassistischen Äußerungen, der am 26. Januar auf Du bist dran! erschien, allgemein mit dem Thema. Er schreibt, dass zwei Diskussionen vermischt würden, die aber getrennt betrachtet werden sollten. In der ersten Diskusion gehe es darum, was Rassismus ausmache, in der zweiten um die Frage, was wir tun sollten, wenn jemand durch Fehlverhalten auffalle.

Aber wäre es nicht hilfreicher, wenn der Verlag bereits in seinen Richtlinien für das Einsenden neuer Spielideen darauf hinweist, was er akzeptiert und was nicht? Vielleicht mit einem Literaturhinweis zum Thema struktureller Rassismus oder so (und das ist ja auch nur eins von mehreren Problemfeldern). Bisher gibt es hier nur Hinweise zur Originalität, zur Mechanik, zur Prototypengestaltung und zu rechtlichen Dingen zu lesen. Ich persönlich fände es jedenfalls schön, wenn wir mehr vorbeugend tätig wären, anstatt erst dann aufgeregt zu diskutieren, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist. Das gilt natürlich auch für andere Verlage. Und nicht nur für die, sondern auch für Spieler:innen und Medienschaffende.

Wie geht es weiter?

Das wissen wir nicht. Est die Zukunft wird zeigen, ob die – oben erwähnten – offenen Fragen beantwortet werden. Das gilt auch für viele weitere Fragen, zum Beispiel: Erscheinen in Zukunft neue Spiele von Tascini? Wenn ja, wann und bei welchem Verlag? Nehmen Verlage den Vorfall zum Anlass, sich endlich Gedanken über einen Verhaltenkodex zu machen? Ändern Autorinnen und Autoren, Verlage, Blogerinnen und Blogger und andere Personen aus der Branche durch den Fall Tascini ihr Verhalten? Und wenn nicht, was hat die Branche aus dem Fall gelernt?

Aktualisierungen am 27. Januar 2021
Ursprünglich stand im ersten Satz, dass dieser Artikel wahrscheinlich Lichtjahre zu spät komme. Da es sich bei Lichtjahren um eine Längen- und nicht um eine Zeiteinheit handelt, haben wir ihn umformuliert. Wir haben außerdem den Absatz zum Artikel auf „Du bist dran!“ eingefügt und im Absatz zum Spieltroll-Artikel den Hinweis ergänzt, dass der Spieltroll-Artikel sich auch mit der Frage beschäftigt, ob man Werk und Autor trennen könne.

Aktualisierung am 29. Januar 2021
Daniele Tascini hat am 29. Januar um 15 Uhr auf Facebook eine neue Entschuldigung veröffentlicht. Board&Dice hat die Entschuldigung am 29. Januar um 15:04 auf Facebook geteilt.

I’ve had a lot of time to think about what happened, and I’ve learned many things I wasn’t aware of. I’ve learned that my words and actions are part of the racial problem. Instead of trying to understand your point of view or listen to your words, I was more concerned with trying to explain why the white European view should win the argument. I’ve also learned that no matter what my intent is, the result of what I say or do can still cause harm to somebody. I didn’t mean to hurt you with my words, but I did, and for this I am sorry. I also didn’t want to reject or ignore you when I finally understood that I had hurt you, but I did, and for that I am sorry. I’m also sorry that I tried to make excuses for myself instead of just apologizing and making sure you are okay.I’ve also learned how being born and raised in a society dominated by male white European ideals, I was taught world history from this point of view. I grew up with the privilege of not being discriminated against for the colour of my skin, my gender, or other attributes. Because of this, many times I see my words or actions as ‘acceptable’ while they instead cause harm because of my insensitiveness.Racism has always been wrong. It doesn’t matter if something is just a little racist or very racist, it’s still racist.How many times have I made similar mistakes in the past? I don’t know, but probably many times. There is a saying: you don’t know what you don’t know. But I want to know. I want to learn and I want to change. I’ve said that I don’t see myself as racist. Today I also understand that I can’t just be satisfied being “not racist”. I want to be “anti-racist”.I know that I have a lot to learn and I apologize if I slip up and make mistakes along the way. I promise to educate myself, with the help of others. I want to be an active part of fighting against racism and other social issues. I want to learn from my mistakes and improve.Together with help from my friends at Board&Dice I have already started to learn about racial issues, Black Lives Matter, systemic racism, and will find ways that I can SHOW that I’m against racism, not just SAY it.“Words matter, but actions matter more.”

Aktualisierung am 5. Februar 2021
Daniele Tascini hat auf Facebook am 3. Februar um 16:20 Uhr angekündigt, dass er 15 Prozent der Tantieme, die er für sein nächstes Spiel Tabannusi: Builders of Ur erhalte, an eine Organisation spenden wolle, die People of Color unterstützt und für deren Rechte kämpft.

Following my statement last Friday, I would like to detail the first action I am going to take. In addition to my personal commitment to deepen my understanding of the issue in question and take a firm stance against racism, as my first official action, I will donate 15% of the royalties I will receive for my next project – Tabannusi: Builders of Ur – to an association supporting people of color and fighting for their rights . As I want to make an informed decision, and make the most impact with my donation, I am still analyzing the options found, and within a few weeks I will be able to announce the name(s) of the chosen association(s).

Aktualisierung am 8. Februar 2021
Hans im Glück hat am 8. Februar 2021 die Erklärung Marco Polo – Die schwarzen Würfel veröffentlicht. Darin äußert sich der Verlag zu den schwarzen Würfeln, die man bei Marco Polo kaufen kann. Dies könne laut Verlag die Assoziation hervorrufen, dass man schwarze Arbeiter kauft. Im Falle einer Neuauflage soll dies geändert werden.

Marco Polo – Die schwarzen Würfel

Wir wurden darauf hingewiesen, dass die schwarzen Würfel in Marco Polo ein Problem darstellen könnten. Vielen Dank schon mal dafür!

Würfel = Arbeiter -> Schwarze Würfel die wir teilweise kaufen -> Wir “kaufen” schwarze Arbeiter. 

Tatsächlich gab es schon in einem frühen Stadium des Spiels diese Joker-Würfel. Die wichtigste Eigenschaft dieser Würfel war jene, dass sie keiner anderen SpielerInnen-Farbe entsprechen. Dadurch werden sie spielmechanisch zu den stärksten Arbeitern/Würfeln. Zwar kaufen wir auch Würfel-Werte der anderen Farben, aber das Problem besteht durch das Kaufen der schwarzen Würfel. 

Wir nehmen an, dass im Prototypen einfach davon am meisten Würfel einer anderen (nicht-SpielerInnen) Farbe übrig waren. Nicht jeder Autor/jede Autorin hat einen unendlichen Vorrat an Material. 

Wir haben uns jedoch dafür entschieden, diese in der finalen Ausstattung (obwohl wir sehr sehr stark an den Spiel gearbeitet haben) zu übernehmen. Dafür wollen wir uns entschuldigen!

Das ist nicht richtig und wir werden, im Falle einer Neuauflage, dies natürlich ändern. Einfach neue Würfel anzubieten, funktioniert leider nicht, da die Symbolik mit anderen Elementen stark verwoben ist. 

Natürlich achten wir auch bei neuen Spielen nun noch stärker auf solche Verbindungen. 

Aktualisierung am 12. Februar 2021
Die Spiele-Autoren-Zunft (SAZ) hat eine Pressemitteilung zu dem Thema veröffentlicht. Darin betont die SAZ, dass sie sich seit ihrer Gründung gegen jegliche Diskriminierung und für eine Kultur der Toleranz einsetze. Die SAZ wolle außerdem einen Codex für Respekt und Verantwortung erarbeiten.

SAZ: Klare Position gegen Rassismus und für Toleranz

In der letzten Zeit gab es gegenüber Spieleautor*innen (keine SAZ-Mitglieder) den Vorwurf rassistischer bzw. diskriminierender Äußerungen. Wir möchten hiermit unterstreichen, dass sich die Spiele-Autoren-Zunft schon seit ihrer Gründung gegen jegliche Diskriminierung und für eine Kultur der Toleranz einsetzt.

Der Vorstand der Spiele-Autoren-Zunft (SAZ) hat daher 2018 auch die Initiative deutscher Spielejournalisten „Spielend für Toleranz – Gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit“ unterstützt und damit klar gegen solche Tendenzen Stellung bezogen.

Eines der Hauptziele der SAZ ist seit ihren Anfängen, die Anerkennung von Spieleautor*innen zu verbessern. Hier sind wir ein gutes Stück vorangekommen und sehen uns nun auch in der Verantwortung – im Rahmen unserer Möglichkeiten –, gesellschaftlich Stellung zu beziehen und für mehr Achtsamkeit, z.B. bei sozialen und historischen Themen, zu sensibilisieren.

Wir haben deshalb beschlossen, eine Arbeitsgruppe ins Leben zu rufen. Diese wird beauftragt, in den kommenden Monaten einen ersten Entwurf eines „Codex für Respekt und Verantwortung“ zu erarbeiten. Dieser Codex soll in der Spielebranche – nicht nur bei Spieleautor*innen – ein größeres Bewusstsein für Toleranz, Rassismus in allen Formen, Gleichberechtigung sowie für den sensiblen Umgang mit historischen und kulturellen Themen schaffen.