Verspieltes Stadtmarketing: Die Händler von Taubertal

Lauda-Königshofen wirbt mit einem Brettspiel für sich. Während andere Städte oft auf simple Quiz- oder Familienspiele setzen, dauert „Die Händler von Taubertal“ etwa zwei Stunden. Die Erstauflage von 750 Exemplaren war trotzdem nach wenigen Tagen ausverkauft.


Wein ist in Lauda-Königshofen allgegenwärtig. Der Ort liegt im Norden von Baden-Württemberg, zwischen Tauberbischofsheim und Bad Mergentheim. Etwa 14.000 Menschen leben dort. Die lokalen Winzer setzen vor allem auf Müller-Thurgau und Silvaner. Wer möchte, kann ihre Weine in Restaurants, Gaststätten und Kneipen der Stadt probieren, vorausgesetzt das Coronavirus bringt nicht gerade das öffentliche Leben zum Erliegen. Kein Wunder, dass es im Onlineshop der Stadt neben Wanderkarten und Kochbüchern auch Weingläser und Weinprobierpakete als Marketingartikel gibt. Seit März wirbt auch ein Gegenstand für die Stadt, der nichts mit Wein zu tun hat: das Brettspiel „Die Händler von Taubertal“. Die Erstauflage war schnell Tagen ausverkauft. „Mit der Umsetzung der außergewöhnlichen Idee hat die Stadtverwaltung offenbar den richtigen Nerv getroffen“, sagt Bürgermeister Thomas Maertens.

Stadtmitarbeiter als Spieleautoren

Entwickelt wurde das Spiel von Christoph Kraus, Martin Bethäuser und Fabian Schwab. Im Arbeitsalltag der drei Brettspieler dreht sich alles um Lauda-Königshofen. Kraus verantwortet die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Stadt, Schwab arbeitet im Mehrgenerationenhaus, Bethäuser ist zuständig für Kindergärten, Schulen, Vereine sowie den Bürgertreff. In ihrer Freizeit verschlägt es die Drei nach Puerto Rico, Macao oder Istanbul. Mit Karten und Würfeln besuchen sie ferne Länder und reisen durch die Zeit. Auch „Die Händler von Taubertal“ spielt nicht in der Gegenwart, sondern im 16. Jahrhundert. Damals terrorisierte der Raubritter Hans Thomas von Absberg die Gegend rund um Lauda-Königshofen. Er entführte Kaufleute und forderte Lösegeld. Der Schwäbische Bund ließ sich das nicht gefallen, zog 1523 in den Fränkischen Krieg gegen den Raubritter und zerstörte zahlreiche Burgen seiner Unterstützer. Auch im Spiel wollen Spieler einen schwarzen Ritter vertreiben und seine Burg dem Erdboden gleichmachen.

„Ich hatte schon länger die Idee, ein Brettspiel zu entwickeln. Mich faszinierte der Gedanke, Menschen an einen Tisch zu bringen und ihnen eine spannende, kurzweilige und unterhaltsame Zeit zu bieten. Auf diese Weise das Interesse für die Geschichte der Stadt, für die ich arbeite, zu wecken, gab schließlich den entscheidenden Auslöser, das Projekt hausintern vorzustellen“, sagt Kraus. Die Idee überzeugte auch die Verantwortlichen bei Leader, einem EU-Programm zur Entwicklung der ländlichen Wirtschaft. Die Leader-Förderung deckte vierzig Prozent der Produktionskosten, die Stadt zahlte die restlichen sechzig Prozent. „Wir wollten mit dem Projekt auch das Kulturgut Spiel fördern und in der Region die Lust auf analoge Abenteuer wecken. Von den etwa 750 Exemplaren gehen 150 an soziale, gemeinnützige und kulturelle Zwecke; zum Beispiel an Jugendtreffs, Vereinsheime oder Schulen. Letztlich soll das Spiel überall dort Anklang finden, wo sich Menschen jeden Alters begegnen“, sagt Kraus.

Spiel als Medium der Wissensvermittlung

Schülerinnen und Schüler aus Lauda-Königshofen haben sich schon vor der Veröffentlichung mit dem Spiel beschäftigt. Jugendliche aus der Gemeinschaftsschule haben im Kunstunterricht Ideen zur Illustration der Spielmünzen entworfen. Schülerinnen und Schüler des Martin-Schleyer-Gymnasiums erarbeiteten Referate zu den Ereignissen im Spiel. Themen waren unter anderem der Warenhandel in der frühen Neuzeit, das Dorfleben vergangener Jahrhunderte, Pilger und Wallfahrten, aber auch Persönlichkeiten der Lauda-Königshöfer Stadtgeschichte. Die Ergebnisse sollen demnächst unter lauda-koenigshofen.de veröffentlicht werden. „Auf diese Weise ist ,Die Händler vom Taubertal‘ nicht bloß ein Spiel, sondern es wird zum Medium, das heimatgeschichtliches Wissen unkonventionell vermittelt“, schreibt die Stadt in einer Pressemitteilung.

Vertrieben wurde das Spiel vor allem in der Region, produziert wurde es von Ravensburger. Für zwanzig Euro erhielten Käuferinnen und Käufer neben einem Spielplan unter anderem 80 Karten, 68 Holzklötzchen, neun Figuren, 15 Kanonenkugeln, Würfel sowie mehr als hundert Münzen und Plättchen. „Wir würden das Spiel gerne einer größeren Öffentlichkeit vorstellen. Falls ein Verlag ,Die Händler vom Taubertal‘ verlegen möchte, würden wir sicherlich nicht Nein sagen“, sagt Kraus. Bleibt zum Schluss nur noch eine Frage: Wenn das Spiel ein Marketinginstrument sein soll, warum dann die lange Spieldauer? Kraus: „Ja, es stimmt, ein typisches Familienspiel hat eine geringere Spieldauer. Letztlich haben wir auf die Rückmeldung der Testspieler und unserem eigenen Eindruck vertraut, dass sich das Spiel hervorragend als Abendfüller eignet. Man trifft sich mit Freunden, vertieft sich in die Spielmechanik und verbringt einen erlebnisreichen gemeinsamen Abend miteinander. Es wäre bestimmt einfacher gewesen, ein simples Stadt-Quiz zu entwickeln oder ein bestehendes Spielprinzip umzuwandeln als ein vollständig neues Strategiespiel auszutüfteln. Aber letztlich würden wir das Spiel nochmal genauso, wie es ist, aufziehen.“ Weiterer Vorteil: Durch die lange Spieldauer kann man beim Spielen in aller Ruhe seinen Wein genießen.

Der Spielablauf
Die Spielerinnen und Spieler wollen als fahrender Händler ihre Waren gewinnbringend an den Mann bringen. Offen ausliegenden Handelskarten zeigen, welche Waren in welchem Ort nachgefragt werden und wie viel für die Lieferung bezahlt wird. Die Nonnen des Prämonstratenser-Klosters in Gerlachsheim benötigen beispielsweise Stoff zum Nähen neuer Habite, der Müller aus Oberbalbach wartet dringend auf neue Werkzeuge und für das Richtfest zum Bau der Laudaer Badstube werden Wein und Gewürze gebraucht. Die Herausforderung besteht darin, sich zu Beginn jeder Spielrunde am Markt in Königshofen geschickt mit Waren einzudecken – und zwar zu einem möglichst guten Preis. Dabei müssen allem am Tisch miteinander verhandeln. Nach dem Besuch am Markt entscheiden sich die Spielerinnen und Spieler, wohin sie ziehen wollen. Sie können entweder Waren in den jeweiligen Ortschaften verkaufen oder andere Aktionen ausführen, zum Beispiel die Zugkraft des Ochsenkarrens aufrüsten, das Glück beim Taschenspieler versuchen, Pilger befördern oder Kanonenkugeln erwerben. In der Nacht zieht der schwarze Ritter übers Spielbrett und plündert Händler aus, die ihm begegnen. Nach sieben Runden gewinnt, wer die meisten Kanonenkugeln erworben hat.

„Wir wollten den Glücksanteil so niedrig wie möglich halten und auf Würfel als Bewegungsmechanismus verzichten. So kamen fünf Bewegungsplättchen ins Spiel, von denen jeder Spieler pro Runde vier einsetzen (also umdrehen) kann. Je Spieler bleibt dann ein Plättchen am Ende jeder Runde übrig. Die Summe der übrig geblieben Bewegungsplättchen aller Spieler bestimmt, wie viele Felder der schwarze Ritter weiterzieht. Es hat lange gebraucht, bis wir ein funktionierendes System für diese Bewegung des schwarzen Ritters ausgeklügelt hatten – denn der Ritter sollte sich einerseits „passiv“ bewegen, andererseits aber nicht zufällig. Am Ende haben wir mit dem Mechanismus gleichzeitig auch den Startspielervorteil ausgehebelt, denn im Endeffekt bestimmt jetzt der letzte Spieler, der an der Reihe ist, wohin der schwarze Ritter wirklich zieht und welcher Händler somit ausgeraubt wird“, erklärt Kraus.

Die komplette Spielanleitung kann man unter lauda-koenigshofen.de als PDF herunterladen.

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