Annalena Baerbock: Stumme Botschafterin des Spielens

Annalena Baerbock ist das neue Gesicht der Initiative „Botschafter*in des Spielens“. Fragen dazu will die Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen nicht beantworten. Ulrich Brobeil, Geschäftsführer des Deutschen Verbandes der Spielwarenindustrie (DVSI), schon. Der DVSI hat die Initiative ins Leben gerufen, nicht ganz uneigennützig.


Annalena Baerbock hat viele Ämter. Sie ist unter anderem Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, Bundestagsabgeordnete und Mitglied des Flüchtlingshilfevereins Hand in Hand. Seit August ist Baerbock auch Botschafterin des Spielens. Der DVSI hat das verspielte Amt 2014 ins Leben gerufen. Baerbock ist nicht die Einzige mit dem Titel. Laut DVSI gibt es etwa hundert Botschafterinnen und Botschafter des Spielens, zum Beispiel Gesundheitsminister Jens Spahn, Bildungsministerin Anja Karliczek und Kulturstaatsministerin Prof. Monika Grütters.

„DVSI will für die Bedeutung des Spielens sensibilisieren“

Der DVSI vertritt die Interessen von etwa 230 Unternehmen der deutschen Spielwarenbranche, darunter Verlage wie Abacus, Asmodee, Games Workshop, Hasbro, Kosmos und Ravensburger. Brobeil hat die Initiative „Botschafter*in des Spielens“ kurz nach seiner Erenennung zum DVSI-Geschäftsführer auf den Weg gebracht. Das hatte laut ihm vor allem drei Gründe.

„Erstens: Kinder haben in der Politik keine Lobby. Zweitens: Die deutsche Familienpolitik konzentrierte sich bis dato sehr stark auf Geldleistungen und den Ausbau der Infrastruktur wie etwa den Betreuungsangebote in Kindertageseinrichtungen. Dagegen ist nichts einzuwenden. Mit den Pisa-Ergebnissen setzte sich in den Nuller Jahren auch in Deutschland die Erkenntnis durch, dass die frühkindliche Bildung ein zentraler Eckpfeifer für Teilhabe- und Aufstiegschancen ist. Gerade in den ersten Lebensjahren werden die Grundlagen für späteres erfolgreiches Lernen gelegt. Viele diese Kompetenzen erwerben Kinder aber im Spiel. Es ist die erste Methode zur Aneignung und Verstehen von Welt. Drittens: Viele Kitas sind chronisch unterfinanziert. Es mangelt dort oft an allen Ecken und Kanten, nicht zuletzt an gutem Spielzeug. Und genau darauf wollen wir mit unserer Initiative hinweisen: das Spielen ein Grundphänomen des Menschen ist. Und das sollte bei allen ,Gedankenspielen‘ in der Familien- und Bildungspolitik berücksichtigt werden, jedenfalls will der DVSI für die Bedeutung des Spielens sensibilisieren. Im Übrigen ist das ,Recht auf Spiel‘ seit 1998 in Artikel 31 der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen verankert.“

Verband profitiert von Nähe zur Politik

Anfangs sei der der DVSI selbst auf potentielle Botschafterinnen und Botschafter zugegangen. Inzwischen würden aber auch Politiker den Verband ansprechen. „Was uns natürlich sehr freut“, sagt Brobeil. Botschafterin oder Botschafter des Spielens bliebe man zeit seines Lebens. Es handele sich um ein unbezahltes Ehrenamt. Es gebe auch keine Aufwandspauschalen. „Als Botschafter erhält man eine Urkunde bei der Übergabe von Spielsachen an eine Einrichtung für Kinder“, sagt Brobeil. „Die offizielle Ernennung und die Spende sollen im Idealfall der Auftakt für eine weitere Zusammenarbeit sein. Wir hoffen, dass sich daraus eine intensive Beziehung der Einrichtung zum Botschafter, aber auch der Einrichtung zu uns als Verband entwickelt.“

Der DVSI profitiert von der Nähe zu den Politikerinnen und Politikern. Brobeil nutzte den Besuch im Kindergarten auch zur Lobbyarbeit. Er sprach mit Baerbock über Nachhaltigkeit bei Spielwarenherstellern und Produktverantwortung von Onlineplattformen. Der DVSI wünscht sich auf europäischer Ebene klare Regeln, damit Händler aus Drittstaaten unsichere Produkte nicht mehr verkaufen können. Auch sonst profitiert der DSVI von den Kontakten. Es gibt einen Fachausschuss Kommunikation und Lobbyarbeit. Der Verband vertritt außerdem die Anliegen seiner Mitglieder aktiv gegenüber politischen Gremien in Europa, im Bund und in den Ländern. Der DSVI nimmt an Anhörungen teil, erstellt Stellungnahmen zu geplanten Gesetzen und kontaktiert politische Entscheidungsträger.

„Eine engagierte Botschafterin des Spielens“

Von den „Botschafter*in des Spielens“ wünscht sich der DSVI, dass sie den Bedürfnissen von Kindern in der Politik eine Stimme geben. „Spielen ist für Kinder eine Hauptsache, während die Politik oft nur die Interessen der Wirtschaft im Blick hat: möglichst schnell in den Kreislauf. Ich glaube allerdings, dass wir einen ganzheitlichen Ansatz brauchen, der nicht nur kognitive Aspekte in den Blick nimmt, sondern auch emotionale. Ein stärkerer spielerischer Anteil kann sogar in unserem Schulsystem eine wichtige Rolle spielen“, sagt Brobeil.

„Annalena Baerbock ist ja nicht nur Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, sondern auch stellvertretendes Mitglied im Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, um sich dort als Mutter und Bundestagsabgeordnete für die Bedürfnisse von Kindern einzusetzen. Bei der Spendenübergabe an den Fröbel-Kindergarten Kinderland betonte die Familienpolitikerin ausdrücklich, welche Bedeutung das Spielen für die kindliche Entwicklung hat, gerade in Zeiten von Covid-19. Mit ihr haben wir also eine engagierte Botschafterin des Spielens gewonnen, die sich dafür einsetzt, dass die Bedürfnisse von Kindern endlich den Stellenwert in der Politik bekommen, den sie verdienen.“

Zehn Fragen, keine Antworten

Baerbock überreichte im August dem Kindergarten in Ludwigsburg unter anderem einen Trettraktor, Holzspielzeug, eine Murmelbahn, Schaukelseile und einen Bauernhof. Verbandsmitglieder und dem DVSI nahestehenden Hersteller hatten das Spielzeug gespendet.

kulturgutspiel.de wollte von Baerbock wissen, wie sie sich im Bundestag konkret für die verspielten Bedürfnisse von Kindern einsetzt und wie sie Spielkultur und das Kulturgut Spiel fördern möchte. Diese und andere Fragen wollte Baerbock nicht beantworten. Die Pressestelle des Bundesvorstands von Bündnis 90/Die Grünen schrieb: „Vielen Dank für Ihre Email vom heutigen Tage. Leider müssen wir aufgrund einer Vielzahl von Anfragen aus Kapazitätsgründen und mit Bedauern absagen.“ Deshalb veröffentlichen wir an dieser Stelle nur unsere Interviewfragen. Falls die Pressestelle irgendwann doch noch Kapazitäten haben sollte, aktualisieren wir den Artikel selbstverständlich.

  1. Wann haben Sie zuletzt gespielt?
  2. Womit haben Sie als Kind gerne gespielt?
  3. Wieso haben Sie sich dazu entschieden, Botschafterin des Spielens zu werden?
  4. Was wollen Sie als Botschafterin des Spielens erreichen?
  5. Sie sind nicht nur Botschafterin des Spiels, sondern zusammen mit Robert Habeck auch Bundesvorsitzende der Grünen. Im Entwurf des neuen Grundsatzprogramms der Partei steht: „Kinder brauchen die Freiheit zu spielen und zu lernen, zu lachen und zu weinen, zur Freude und zur Wut. Sie haben eigene Rechte. Diese gehören in den Mittelpunkt von Politik und Gesellschaft und sind im Grundgesetz eigenständig zu garantieren.“ Warum ist es wichtig, dass Kinder ein Recht auf Spiel haben?
  6. Macht es für Sie dabei einen Unterschied, ob Kinder analog oder digital spielen?
  7. Im Entwurf des Grundsatzprogramms steht auch: „Kulturelle Vielfalt zu fördern und zu schützen ist wichtige Aufgabe in der offenen Gesellschaft. Der Zugang zu und Teilhabe an Kunst und Kultur muss für alle gleich gewährleistet sein. Das gilt für kulturelle Bildung genauso wie für Kulturinstitutionen, Kulturvereine und Kulturgüter. Deshalb brauchen Kunst und Kultur öffentliche Förderung.“ Wie wollen Sie Spielkultur und das Kulturgut Spiel konkret fördern?
  8. Die Spiele-Autoren-Zunft (SAZ) fordert für alle Kulturprodukte und künstlerischen Leistungen den vergünstigten Umsatzsteuersatz, also auch für analoge und digitale Spiele. Was halten Sie von der Idee?
  9. Der Deutsche Kulturrat unterstützt die Aufnahme von analogen Spielen in den Sammlungskatalog der Deutschen Nationalbibliothek. Sie auch?
  10. Sie haben am 12. März im Bundestag eine Rede zur Situation an der türkisch-griechischen Grenze gehalten. Darin haben Sie gesagt, das menschenverachtende Spiel von Herrn Erdogan funktioniere vor allem, weil die EU deswegen in Angst und Schrecken verfalle. Ist auch Politik nur ein Spiel?

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