Ein römischer Kalkstein gab Archäologinnen und Archäologen lange Rätsel auf. Nun hat eine künstliche Intelligenz die mutmaßlichen Regeln des antiken Brettspiels entschlüsselt.
Alles begann mit einem weißen Kalkstein aus der römischen Siedlung Coriovallum, dem heutigen Heerlen in den Niederlanden. Der Archäologe Walter Crist entdeckte ihn 2020 in der Sammlung des Thermenmuseums. Die etwa 21 mal 14,5 Zentimeter große Steinplatte zeigt ein geometrisches Liniendiagramm und wurde vor rund 1.500 bis 1.700 Jahren bearbeitet. „Das Aussehen und die Abnutzung deuteten auf ein Spiel hin, aber ich kannte das Muster nicht von anderen antiken Spielen“, sagte Crist laut der Universität Leiden.
Unter dem Mikroskop untersuchte er die Linien des Steins und entdeckte Abnutzungsspuren. Ein 3D-Scan zeigte die Kratzer im Detail. „Einige Spuren sind einen Bruchteil eines Millimeters tiefer als andere, was bedeutet, dass sie intensiver genutzt wurden“, sagte Crist. Vermutlich wurden dort Spielsteine entlanggeschoben. Aber nach welchen Regeln?
Simulierte Zugpfade treffen echte Kratzspuren
Das Team nutzte künstliche Intelligenz und die Datenbank Ludii der Universität Maastricht, um die Regeln zu ermitteln. Im Fachblatt Antiquity berichten sie von zwei KI-Agenten, die tausende Partien auf virtuellen Nachbildungen des Steins spielten. Dabei griffen sie auf mehr als 130 Regelwerke historischer europäischer Brettspiele zurück. Die KI variierte Startaufstellungen, Zugmöglichkeiten und Siegbedingungen und verglich die simulierten Zugpfade mit den echten Kratzspuren.

Die wahrscheinlichste Deutung: Das Spiel war ein asymmetrisches Blockierspiel. Dabei geht es nicht darum, Steine zu schlagen, sondern die Gegnerin oder den Gegner am Ziehen zu hindern. Konkret setzten Personen laut KI abwechselnd Steine in die Rillen, wobei eine Seite vier und die andere zwei Figuren hatte. Es gewann, wer am längsten verhinderte, bewegungsunfähig gemacht zu werden.
Solche Spiele waren bisher vor allem aus dem Mittelalter und der Neuzeit bekannt, zum Beispiel Haretavl aus Skandinavien oder Gioco dell’Orso aus Italien. Sollten die KI-Analysen stimmen, sind Blockierspiele mehrere Jahrhunderte älter als angenommen. „Das macht die Entdeckung besonders bemerkenswert“, sagt Crist. Das rekonstruierte Spiel stammt aus der römischen Kaiserzeit und trägt den Namen Ludus Coriovalli. Es gilt nun als das älteste bekannte europäische Beispiel dieser Art. Wer möchte, kann es auf einer Ludii-Projektseite spielen.
„Neues Werkzeug zur Entschlüsselung von Spielen“
Der KI-Ansatz könnte weitere Entdeckungen ermöglichen. „Zum ersten Mal wurde KI-gesteuertes simuliertes Spielen mit archäologischen Methoden kombiniert, um ein Brettspiel zu identifizieren“, sagt Crist. „Diese Forschung bietet Archäologen neue Werkzeuge, um Spiele aus alten Kulturen zu entschlüsseln. “
Doch die exakte Rekonstruktion bleibt auch mit KI schwierig. Archäologische Funde sind oft unvollständig: Ein Brett kann erhalten bleiben, die dazugehörigen Steine, Würfel oder Inschriften jedoch nicht. Selbst bei gut erhaltenen Brettern bleibt unklar, ob das gefundene Muster ein einziges Regelset repräsentiert oder nur eine von mehreren Varianten war. Darauf weist unter anderem Ulrich Schädler in seinem Artikel Vergessene Spiele: Für immer verloren oder noch zu retten? hin.
Zudem erschweren mehrdeutige Abnutzungsspuren die Analyse: Verschiedene Regelwerke können ähnliche Kratzmuster erzeugen. KI kombiniert außerdem nur bekannte Regeltypen aus anderen Regionen und Epochen. Unbekannte Spielideen, Mischformen oder kulturell spezifische Hausregeln bleiben unsichtbar, da sie im Trainingskatalog fehlen.
Die KI liefert daher keine absolute Wahrheit über das Spielverhalten, sondern lediglich die plausibelsten Szenarien.



