Redigierte Fake News

Anne-Kathrin Gerstlauer hat einen Artikel von Sebastian Wenzel auseinandergenommen. Jetzt sollen mehr als tausend TextHacks-Leserinnen und -Leser das Ergebnis weiter verbessern. Das Ziel: ein Praxisbeispiel, das allen kostenlos zur Verfügung steht.


Mach mit: Redigiere und verbessere den Text von Sebastian in diesem Google-Dokument.

Im November 2020 veröffentlichte ich, Sebastian Wenzel, auf kulturgutspiel. de den Kommentar Das Spiel ,Make Fake News Great Again‘ ist eine Gefahr für die Demokratie. Fünf Jahre später zerlegte die Journalistin und Dozentin Anne-Kathrin Gerstlauer den Text. Ihr Ergebnis stellte sie in ihrem preisgekrönten Newsletter TextHacks vor.

Sebastian Wenzel ist Spielejournalist. Für ein Projekt habe ich gegen Spende an Reporter ohne Grenzen seinen Text redigiert. Aber anders als gedacht. Sebastian war davon ausgegangen: Ich schicke ihm einen überarbeiteten Text zurück. Was ich gemacht habe: Anmerkungen und Nachfragen geschickt. Weil das immer mein Redigaturstil war.

  1. Runde: Anmerkungen, Fragen und Strukturvorschläge
  2. Runde: Autor/Autorin überarbeitet selbstständig
  3. Runde: Ich redigiere sprachliche Feinheiten
Anne-Kathrin Gerstlauer

Die Ergebnisse der 1. und 2. Redigierrunde findet ihr unten. Für die 3. Runde sind alle gefragt: Gemeinsam soll der Text weiter verbessern werden. Ziel ist ein Praxisbeispiel, das allen kostenlos unter einer Creative-Commons-Lizenz-zur Verfügung steht, etwa als Schulungsmaterial fürs Redigieren. Übrigens: Dieser Artikel ergänzt den Beitrag Gutes Deutsch: Zehn Tipps für bessere Beiträge über Brettspiele.

1. Redigierrunde

„Das Spiel ,Make Fake News Great Again‘ ist eine Gefahr für die Demokratie“

Desinformationen zerstören Demokratien. Das gilt auch für „Make Fake News Great Again“. Das Gesellschaftsspiel macht sich über ein ernstes Thema unreflektiert lustig. Das ist alles andere als witzig. Ein Kommentar von Sebastian Wenzel.

Donald Trump und Pinocchio haben eins gemeinsam: Sie lügen. Die Kinderbuchfigur Pinocchio wie gedruckt, Trump wie getweetet. Pinocchio belügt eine Fee, Trump die ganze Welt. Der Präsident der Vereinigten Staaten verbreitet nicht nur Unwahrheiten, sondern beschimpft auch Journalisten und nennt Tatsachen, die ihm nicht gefallen, Fake News.

Undifferenzierte Medienschelte gibt es auch in Deutschland. Lügenpresse war bereits 2014 das Unwort des Jahres. Damals schrieben Zeitungen nicht über Corona, sondern über Geflüchtete. Die Jury betonte in ihrer Urteilsbegründung, dass mit dem Ausdruck Medien pauschal diffamiert würden. „Eine solche pauschale Verurteilung verhindert fundierte Medienkritik und leistet somit einen Beitrag zur Gefährdung der für die Demokratie so wichtigen Pressefreiheit“, schrieb die Jury.

Fake News sind ein Teekesselchen

Ähnlich wie das Unwort Lügenpresse bedrohen auch Fake News unsere Demokratie.

 Der Begriff ist ein Teekesselchen, also ein Begriff mit zwei Bedeutungen. Anders als ein Tasse Tee trägt er garantiert nicht zur Entspannung bei.

Vereinfacht gesagt sind Fake News einerseits nichts anderes als Falschmeldungen. Ob beabsichtigt oder nicht, spielt dabei keine Rolle. Andererseits sind Fake News ein Schimpfwort. Politiker verwenden es, wenn sie Tatsachen, die ihnen nicht gefallen, diskreditieren wollen.

Da der Begriff mehrere Bedeutungen hat, sprechen seriöse Wissenschaftler und Journalisten nicht von Fake News, sondern von Desinformation.

Das Recherchezentrum Correctiv warnt: „Gezielte Desinformation wird genutzt, um unsere Gesellschaft zu spalten, Hass zu verbreiten oder Geschäfte zu betreiben.“ Laut der Bundeszentrale für politische Bildung habe Desinformation das Ziel, innerhalb von Gesellschaften geltende Wahrheiten und Glaubenssätze zu (zer)stören. „Oftmals ist es das Ziel, die Legitimität von Institutionen oder Personen zu untergraben, die insbesondere in mehrheitsbasierten, demokratischen Herrschaftssystemen von zentraler Bedeutung sind“, heißt es weiter.

„Öffne die Büchse der Pandora“

Desinformation kann man heute nur noch schwer entkommen. Das weiß auch Huch und spricht im Werbetext zu „Make Fake News Great Again“ von einem „allgegenwärtigen Thema“.

Spieler sollen „die Büchse der Pandora öffnen und Mitspielern die nackte Wahrheit servieren“. Bei dem simplen Kommunikationsspiel denken sich mindestens vier Personen ab 16 Jahre Fake News aus. Jede Person am Tisch wählt dazu eine Karte. Ein Geschichtenerzähler erfindet mit Begriffen und Bildern auf den Karten Fake News.

Huch schwärmt von einer „frechen Umsetzung“, die „jede Stimmung lockert“. Frech an dem Spiel ist allerdings nur, wie es das Vertrauen in die Medien und damit auch in unsere Demokratie zerstört.

Das Spiel macht sich über ein ernstes Thema unreflektiert lustig. Das ist nicht witzig, sondern trägt auch dazu bei, dass Menschen Fake News als selbstverständlich ansehen. Das sind sie aber nicht.

„Bei Fake News gibt es nie Gewinner“

Wer daran zweifelt, dass ein Spiel eine demokratiezerstörende Wirkung haben kann, dem sei der Artikel auf kulturexpresso.de, empfohlen. Das laut Selbstauskunft „deutschsprachiges Kulturmagazin im Weltnetz“ rezensiert „Make Fake News Great Again“ und setzt dabei – wie (un)passend – ganz auf Desinformation. Zitat aus dem Text: „Das Spiel endet, wenn ein Spieler fünf Loser-Karten vor sich liegen hat. Er hat das Spiel verloren und muss am Ende aus all seinen Loser-Karten die ultimative Fake News Story stricken! Vor allem der Lücken- und Lügenpresse sollte dies geübt und flüssig sowie ohne Schamesröte über die Lippen gehen. Bei ARD, ZDF und Deutschlandfunk, aber auch bei den Medien der Bourgeoisie darf ,Make Fake News Great Again‘ nicht fehlen.“ Eine Spielerezension, die seriöse Medien mit Schimpfwörtern diskreditieren will? Das gab es bisher ebenso wenig wie einen US-Präsidenten, der am laufenden Band lügt.

Und es kommt noch schlimmer: Fake News führen zu falschen Erinnerungen.

Zu diesem Schluss kommen Forscher des University College Cork und der University of California nach einem Experiment, das sie 2018 durchgeführt haben. Was passiert also, wenn Spieler Fake News mit den Karten Wutbürger, Quarantäne und Wahlbetrug erfinden, die sich in ihren Gehirnen festsetzen?

Frech ist auch, dass Spielerinnen und Spieler in der Anleitung von „Make Fake News Great Again“ keine weiterführenden Informationen finden. Es gibt weder Hinweise zu den Gefahren von Fake News, noch Tipps, woran Mann und Frau diese erkennen kann. Immerhin sammeln wir keine Siegpunkte, sondern Loser-Karten. Wer die wenigsten Karten besitzt, gewinnt. Zitat aus der Anleitung: „Aber seien wir mal ehrlich: Bei Fake News gibt es nie Gewinner. Bei Fake News gibt es immer nur Verlierer.“ Die Sätze zeigen: Der Verlag hat das Problem erkannt, das Spiel aber trotzdem veröffentlicht. Das ist fahrlässig.

Diskussion über relevante Themen

Trotz aller Kritik gibt es wenigstens eine Sache, die „Make Fake News Great Again“ richtig macht, wenn auch vermutlich unbeabsichtigt. Es zeigt, dass auch Spiele Diskussionen über relevante Themen auslösen können. Dabei spielt es keine Rolle, ob es um Fake News, den Klimawandel oder Gewalt gegen Kinder geht. Wie letzteres gelingen kann, zeigte Pegasus mit dem Gewaltpräventionsspiel „Sei stark, Sag nein“. Autoren und Verlage müssen relevante Themen in Spielen weder sensibel noch reflektiert umsetzen.

Aber Rezensenten müssen unsensible oder unreflektierte Umsetzungen wie „Make Fake News Great Again“ kritisch hinterfragen. Wenn Verlage sich dieser Kritik stellen, stellen sie sich auch einer wichtigen, für sie eventuell unbequemen, Diskussion. Das reicht heutzutage schon, um moralisch integrer zu handeln als der Präsident der Vereinigten Staaten. Das würde wahrscheinlich selbst Pinocchio kaum glauben, ist aber leider wahr.

Aufgrund der grundlegenden Kritik wurde der Text überarbeitet und in einen Bericht sowie einen Kommentar aufgeteilt.


Kommentar: Eine Gefahr für die Demokratie

Das Gesellschaftsspiel „Make Fake News Great again“ macht sich über ein ernstes Thema unreflektiert lustig. Das ist nicht witzig, sondern gefährlich. Ein Kommentar von Sebastian Wenzel.

Desinformation kann man schwer entkommen. Das gilt jetzt auch beim Spieleabend. Bei „Make Fake News Great Again“ sollen wir falsche Nachrichten erfinden. Laut dem Verlag Huch ist das Spiel „eine freche Umsetzung, die jede Stimmung lockert“.

Frech ist allerdings nur, wie  das Spiel Vertrauen in Medien und Demokratie zerstört. Fake News führen nachweislich zu falschen Erinnerungen. Das gilt selbst dann, wenn sie beim Spieleabend erfunden wurden. Das kann fatale Folgen haben: Ohne ein gemeinsames Fundament aus Fakten können wir nicht miteinander diskutieren. Das spaltet die Gesellschaft und höhlt das Fundament unserer Demokratie aus.

Ebenso Frech: In der Anleitung finden wir keine weiterführenden Informationen. Es gibt weder Hinweise zu Gefahren von Fake News, noch Tipps, wie wir diese erkennen können. Immerhin sammeln wir keine Siegpunkte, sondern Loser-Karten. Wer die wenigsten Karten besitzt, gewinnt. Zitat aus der Anleitung: „Aber seien wir mal ehrlich: Bei Fake News gibt es nie Gewinner. Bei Fake News gibt es immer nur Verlierer.“ Die Sätze zeigen: Der Verlag hat das Problem erkannt, das Spiel aber trotzdem veröffentlicht. Das ist fahrlässig.

Bericht: Desinformation beim Spieleabend

Seit Donald Trump ist der Begriff Fake News wieder in aller Munde und Ohren.

Der amerikanische Präsident lügt, wütet, zetert und nennt Tatsachen, die ihm nicht gefallen, gerne Fake News. Das Spiel „Make Fake News Great Again“ bringt diese Vorliebe auf den Spieltisch. Das Kommunikationsspiel von Huch ist für mindestens vier Personen ab 16 Jahren.

Spielerinnen und Spieler sollen laut Verlag „die Büchse der Pandora öffnen und Mitspielern die nackte Wahrheit servieren“.  Eine Person ist der Storryteller. Er oder sie deckt eine Begriffskarte auf, zum Beispiel Tierschützer. Alle anderen Personen wählen je eine ihrer Handkarten aus, die dazu passt. Darauf stehen Wörter wie Wahlbetrug, Russland oder schlaffes Ding. Alternativ zeigen sie Bilder, zum Beispiel Ärztinnen und Ärzte mit FFP2-Masken. Der Storryteller erfinden mit allen Karten bis auf einer eine Geschichte. Die nicht verwendete Karte ist ein Minuspunkt für die oder den Besitzer. Wer fünf Minuspunkte besitzt, verliert.

Der Mechanismus orientiert sich an Fake News. Vereinfacht gesagt sind diese erfundene Geschichten. Oder anders ausgedrückt: Falschmeldungen. Ob beabsichtigt oder nicht, spielt dabei keine Rolle. Gleichzeitig sind Fake News ein Schimpfwort. Politiker wie Trump verwenden es, wenn sie Tatsachen, die ihnen nicht gefallen, diskreditieren wollen. In der Wissenschaft nennt man diese gezielte Täuschungsabsicht Desinformation. „Gezielte Desinformation wird genutzt, um unsere Gesellschaft zu spalten, Hass zu verbreiten oder Geschäfte zu betreiben“, schreibt das Recherchezentrum Correctiv.  Auch die Bundeszentrale für politische Bildung warnt: Ziel von Desinformation sei häufig, das Vertrauen in Institutionen und demokratische Prozesse zu untergraben.

Selbst wenn man Fake News nicht glaubt, haben sie einen verheerenden Effekt: Sie führen zu falschen Erinnerungen. Zu diesem Schluss kommen Forscherinnen und Forscher des University College Cork und der University of California nach einem Experiment, das sie 2018 durchgeführt haben.  Wer eine Story hört, hält sie laut den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern automatisch für glaubwürdiger. Egal, ob sie wahr ist oder falsch.

Das Kulturmagazin kulturexpresso, das sich selbst als „deutschsprachiges Kulturmagazin im Weltnetz“ bezeichnet, hat „Make Fake News Great Again“ kürzlich rezensiert. In der Kritik heißt es: „Das Spiel endet, wenn ein Spieler fünf Loser-Karten vor sich liegen hat. Er hat das Spiel verloren und muss am Ende aus all seinen Loser-Karten die ultimative Fake News Story stricken! Vor allem der Lücken- und Lügenpresse sollte dies geübt und flüssig sowie ohne Schamesröte über die Lippen gehen. Bei ARD, ZDF und Deutschlandfunk, aber auch bei den Medien der Bourgeoisie darf ,Make Fake News Great Again‘ nicht fehlen.“ Eine Spielrezension, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk als Lügenpresse bezeichnet? Trump würde das wahrscheinlich gefallen. Er schimpft ebenfalls regelmäßig über Journalistinnen und Journalisten. Seine Lieblingsbeleidigung: Ihr seid Fake News.


3. Redigierrunde

Gerstlauer rief die mehr als tausend Empfängerinnen und Empfänger Ihres Newsletter auf, die Beiträge nochmals sprachlich zu redigieren. Macht mit in diesem Google-Dokument. Anschließend veröffentlicht Sebastian eine finale Version des Artikels.

Creative-Commons
Dieser Artikel steht unter der„CC BY-SA 4.0“-Lizenz. Sie gilt für den Text und die Anmerkungen auf dieser Seite und im Google-Dokument. Ihr dürft den Beitrag in jedem Format oder Medium kopieren und verbreiten, auch für kommerzielle Zwecke. Bedingung: Nennt die Urheber – „Anne-Kathrin Gerstlauer, texthacks. substack. com // Sebastian Wenzel, kulturgutspiel. de“. Verändert ihr den Text oder baut darauf auf, müsst ihr eure Version unter derselben Lizenz veröffentlichen. Alle verbindlichen Details findet ihr auf der verlinkten Creative-Commons-Seite.

Ein Kommentar

  1. Super redigiert. Vielleicht hätte man den Autor noch darauf hinweisen können, dass es unfreiwillig komisch ist, ausgerechnet eine Warnung von Correctiv zu Fake News zu zitieren. Da ist ein anderes Beispiel besser.

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