Spiel des Jahres

Spiel des Jahres: Wie unabhängig arbeitet die Jury?

Ist die Jury „Spiel des Jahres” wirklich so unabhängig, wie sie behauptet? Wir haben beim Vorsitzenden Harald Schrapers nachgefragt. Im Interview spricht er über Lizenzeinnahmen, Werbeveranstaltungen und einen Streit innerhalb der Jury.


Das Interview ist eine Ergänzung eines etwa eineinhalbstündigen Interviews mit Harald Schrapers. Das komplette Gespräch könnt ihr im Podcast Boardcast von Frederik Malsy nachhören. Das Interview mit Tom Werneck, auf das wir uns beziehen, findet ihr unter Tom Werneck: „Schaue mit Neugier auf die Arbeit der Jury, nicht mit Groll“.

Unabhängigkeit der Jury


In seinem Buch „Das moderne Brettspiel“ schreibt Tom Werneck, es sei fragwürdig, ob die Jury nach wie vor unabhängig von Spieleindustrie und dem Handel entscheide. Hat er Recht?
Nein. Wir als Jury entscheiden unabhängig. Tom Werneck nennt das Buch eine entschlackte Fassung seiner Dissertation ohne wissenschaftlichen Ballast, was eh schon eine fragwürdige Einstellung ist. Doch auch in seiner Dissertation selbst liefert er keinerlei Belege für seine falsche Behauptung. Mich erstaunt, dass das der Gutachterin an der Kunsthochschule Halle nicht aufgefallen ist. Wir sind eine Kritikerjury und müssen Kritik aushalten. Unterschiedliche Meinungen zu unserer Arbeit sind legitim. Aber die Fakten müssen stimmen und das tun sie bei Tom Werneck nicht.

Ihr finanziert eure Arbeit durch Lizenzeinnahmen. Diese stammen von Spielen, die ihr selbst auszeichnet. Schafft das keine Abhängigkeiten?
In der Jury gab es 2001 einen großen Streit um diese Frage: Werden bevorzugt Spiele ausgezeichnet, die hohe Lizenzeinnahmen versprechen? Hintergrund der Diskussion waren die damals langfristigen Verpflichtungen des Vereins, konkret die Finanzierung des Spielearchivs in Marburg. Drei Mitglieder traten aus, weil sie glaubten, die Mehrheit würde populäre, umsatzstarke Spiele bevorzugen, um die Finanzierung zu sichern. Heute gibt es keine dauerhaften Verpflichtungen gegenüber Dritten mehr.

Auch ohne das Spielearchiv habt ihr finanzielle Verpflichtungen. Ihr müsst zum Beispiel eure Mitarbeiterin und Mitarbeiter bezahlen.
Wir machen uns keine Sorgen, dass wir das Personal nicht bezahlen können. Wir haben erhebliche Rücklagen und könnten zwei Jahre ohne Lizenzeinnahmen auskommen, ohne unsere Arbeit einzuschränken. Diese finanzielle Unabhängigkeit ist wichtig. Sie erlaubt uns, auch Spiele kleinerer Verlage auszuzeichnen, die nicht so vertriebsstark sind und somit womöglich weniger Lizenzeinnahmen generieren. Pictures, das Spiel des Jahres 2020 , erschien beispielsweise beim recht kleinen PD-Verlag.

Unabhängig davon gilt: Die Wahrscheinlichkeit, dass wir auf einmal gar keine Einnahmen mehr erzielen, geht gegen Null. Das Spiel des Jahres verkauft sich immer gut. Zudem laufen unsere Lizenzverträge länger als ein Jahr, und auch ältere ausgezeichnete Spiele generieren Einnahmen.

Nähe zu Verlagen und Umgang mit Rezensionsexemplaren


Fast alle Verlage organisieren Presseveranstaltungen. Dort präsentieren sie Neuheiten, servieren Essen, verteilen Goodie-Bags und zahlen manchmal sogar die Hotelübernachtung. Auch Jury-Mitglieder besuchen solche Werbeveranstaltungen. Ist diese Nähe ein Problem?
Das muss jede Person für sich selbst beantworten. Im Verein „Spiel des Jahres“ sind die Regeln klar: Wenn Verlage auch Journalistinnen oder Blogger einladen, die nicht der Jury angehören, dürfen Jurymitglieder solche Einladungen annehmen. Uns ist bewusst, dass es sich um Werbeveranstaltungen handelt. Im Vergleich zu anderen Branchen, etwa Reise- oder Autojournalismus, sind die Gegenleistungen in der Brettspielszene jedoch gering.

Die Jury berücksichtigt nur Spiele, die alle Mitglieder als kostenlose Rezensionsexemplare erhalten. Gibt es Verlage, die nicht die komplette Jury bemustern?
Es gibt vielleicht ein oder zwei Verlage, die grundsätzlich darauf verzichten. Andere verzichten bei bestimmten Spielen. Das sind oft Titel, die am Rand dessen liegen, was wir noch als Brettspiel in Bezug auf unsere Zielgruppe definieren. Dafür habe ich großes Verständnis. Umgekehrt schreiben uns gerade kleinere und neue Verlage verzweifelt Mails und fragen, warum nicht alle Jury-Mitglieder Rezensionsexemplare angefordert haben. Das ist bei sehr vielen Spielen nicht nötig. Wenn fünf oder sechs Mitglieder ein Spiel gespielt und niemand glaubt, es sei herausragend gut, müssen es nicht zwingend noch die anderen ausprobieren.

Was macht ihr mit Rezensionsexemplaren, die ihr nicht mehr benötigt?
Jury-Mitglieder dürfen diese nicht verkaufen. Entweder sie werden gesammelt, was bei der Flut an Neuheiten jedoch schwierig ist, oder gespendet. In so einem Fall gehen sie an Kitas, karitative Einrichtungen oder Spielevereine. Meine Rezensionsexemplare gehen an die Spielerei der Falken in Düsseldorf.

Sind die Vorgaben für Rezensionsexemplare und Presseveranstaltungen schriftlich fixiert?
Als ich in den Verein kam, musste ich einen daumendicken Stapel bürokratischer Regeln unterschreiben. Vieles davon war überreguliert. Stattdessen klären wir viele Fragen in gemeinsamen Treffen. Wir fragen uns: Wie gehen wir mit potenziell problematischen Themen um? Nicht alles lässt sich im Voraus eindeutig schriftlich regeln.

Trotzdem gibt es ja anscheinend Vorgaben. Warum veröffentlicht ihr diese nicht auf eurer Homepage?
Einzelne relevante Punkte könnte man sicher zusätzlich in die auf unserer Website veröffentlichten Antworten auf häufige Fragen (FAQ) aufnehmen, falls genauere Informationen zu den Rezensionsexemplaren viele Menschen interessiert.

Gelernte Journalistinnen und Journalisten in der Jury


Tom Werneck kritisiert auch, dass es immer weniger Journalistinnen und Journalisten in der Jury gibt.
In Deutschland ist Journalist keine geschützte Berufsbezeichnung. Jede und jeder kann sich so nennen. Es stimmt auch nicht, dass früher mehr ausgebildete Journalistinnen und Journalisten in der Jury waren. Selbst die erste Jurys, die in den Siebziger und Achtzigerjahren ihre Tätigkeit aufnahmen, bestand nur zu einem kleinen Teil aus hauptberuflichen Journalistinnen und Journalisten. Auch Tom Werneck war und ist kein gelernter Journalist. Wichtiger als eine Ausbildung ist für mich ohnehin, ob jemand Kulturjournalismus beherrscht. Solche Personen können für die Juryarbeit genauso wertvoll sein wie jemand, der zwar gelernter Journalist ist, aber etwa als Sport- oder Gerichtsreporter arbeitet.

Woran macht ihr fest, ob eine Person Spiele kompetent kritisieren kann?
Wichtig ist, wie ein Spiel analysiert wird. Welche Worte findet man, um zu erklären, was ein Spiel mit Menschen macht? Begeistert es sie? Ist es ein gutes Spiel? Löst es andere Reaktionen aus? All das muss treffend erkannt und beschrieben werden. Entscheidend sind Tiefe und Kreativität. Nur Regeln nachzuerzählen ist keine fundierte Spielekritik. Deshalb ist der Tag der Brettspielkritik so wichtig. Er erinnert uns daran, dass die Qualität der Kritik zählt.

In welchem Medium kritisiert wird, ist dagegen egal. Es gibt mancherorts immer noch eine gewisse Hochnäsigkeit gegenüber Blogs, Podcasts sowie Video- und Social-Media-Kanälen. Die finde ich nicht gerechtfertigt. Es gibt längst auch Jurymitglieder, die diese Medien bespielen.

Foto: Spiel des Jahres

Harald Schrapers wurde 1964 geboren. 1991 schrieb er erstmals Spielekritiken, unter anderem über „Das Labyrinth der Meister“ und sein damaliges Lieblingsspiel „Kreml“. Seine Spielebesprechungen sind auf gamesweplay.de zu finden. Von 2008 bis 2011 gehörte Schrapers als Beirat der Kinderspiel-des-Jahres-Jury an. Seit 2017 ist er Mitglied des Vereins Spiel des Jahres und seit 2018 dessen Vorsitzender. Hauptberuflich arbeitet er als Pressesprecher für zwei Parlamentsabgeordnete.

Die Jury bestimmt selbst, wer in die Jury aufgenommen wird. Entstehen dadurch nicht blinde Flecken?
Ich sehe keine bessere Lösung. Dieses Verfahren sichert die Unabhängigkeit. In Frankreich oder Italien bestimmen die Messegesellschaften der Städte Cannes beziehungsweise Lucca die Zusammensetzung der jeweiligen Jurys. Ich glaube nicht, dass das besser ist. Der Erfolg der Auszeichnung Spiel des Jahres zeigt, dass unser System gut funktioniert.

Trotzdem fehlen in der Jury bestimmte Stimmen, beispielsweise von Menschen mit einem anderen kulturellen Hintergrund.
Neben journalistischer Sachkunde, die unverzichtbar ist, ist für mich auch die Vielfalt in der Jury von Bedeutung. Die ist jedoch nicht so einfach herzustellen. Das Brettspiel hat in Deutschland und Europa eine sehr weiße, männliche Geschichte. Das darf aber keine Ausrede sein, nichts zu ändern. Als ich 2017 in die Jury kam, war nur eine Frau dabei. Heute sind es fünf – immer noch zu wenig, aber es zeigt, dass Veränderungen möglich sind.

Förderprogramm von Spiel des Jahres


Beeinflusst ihr durch eure Förderungen auch die Geschichtsschreibung über die Jury?
Das könnte man behaupten, stimmt aber nicht. Wir versuchen, bei allem was wir tun, transparent zu sein – auch bei Interviews oder Promotionsstipendien. Wenn es etwas zu berichten oder zu erforschen gibt, soll das geschehen.

Im Interview mit Bernward Thole auf dem YouTube-Kanal der Jury bleibt der Streit um das Deutsche Spielearchiv unerwähnt. Im geförderten Buch Brettspielprofis wird neben ehemaligen Jury-Mitgliedern auch das aktuelle Jury-Mitglied Julia Zerlik portraitiert. Eine geförderte Doktorarbeit beleuchtet die Spielelandschaft seit den 1960er Jahren und das Spiel des Jahres.
Warum Bernward Thole den Streit nicht erwähnt oder nicht danach gefragt wird, entzieht sich meiner Kenntnis. Das Interview war ein externes Projekt, auf das ich inhaltlich keinen Einfluss genommen habe. Beim Buch Brettspielprofis war unsere Empfehlung, die aktuelle Jury komplett und ehemalige Jurymitglieder weitgehend außen vor zu lassen, um nicht den Anschein einer Auftragsarbeit zu erwecken. Auch bei den geförderten Promotionen gab es keinerlei inhaltliche Vorgaben oder Einschränkungen in Bezug auf das Spiel des Jahres. Ganz im Gegenteil: Die entsprechenden Personen hatten vollen Zugang zu unseren Archiven, um die Geschichte des Vereins „Spiel des Jahres“ wissenschaftlich bewerten zu können.

Fehlt trotzdem ein journalistisches Gegengewicht zur Jury?
Wenn die Jury eine staatliche Institution wäre oder Teil einer interessengeleiteten Organisation wie Arbeitgeberverband oder Deutscher Gewerkschaftsbund, wäre das eine wichtige Frage. Doch der Verein „Spiel des Jahres“ ist ein Zusammenschluss von unabhängigen Journalistinnen und Journalisten aus verschiedenen Sparten. Das macht es schwer, ein Gegengewicht zu schaffen, weil wir selbst ja oft schon gegensätzliche Meinungen vertreten. Unser Ansatz ist Transparenz: Wir zeigen offen, wie wir arbeiten und wie unterschiedlich wir Spiele bewerten.

Transparenzhinweis
Auch Frederik Malsy und ich, Sebastian Wenzel, werden zu Presseveranstaltungen von Verlagen eingeladen. Die Teilnahme an solchen Veranstaltungen hat keinen Einfluss auf die Berichterstattung. kulturgutspiel.de wurde indirekt von der Jury „Spiel des Jahres“ gefördert. Der Verein „Spiel des Jahres“ hat 2021 den Druck von Null Ouvert – Magazin für analoge Spielkultur mit 2.600 Euro unterstützt. Spiel des Jahres hatte keinen Einfluss auf redaktionelle Inhalte. Mehr Informationen stehen in unseren Transparenzhinweisen.

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