Älteste Würfel der Welt: Glücksspiel in der Steinzeit

Archäologen haben in Nordamerika die ältesten Würfel der Welt gefunden. Sie erleichterten vor mehr als 12.000 Jahren den Handel und halfen dabei, Konflikte zu entschärfen.


Die Sensation lag seit vielen Jahrzehnten sichtbar in Regalen und Vitrinen. Doch erst 2026 erkannte der Archäologe Robert J. Madden von der Colorado State University die wahre Bedeutung der prähistorischen Funde. Mit einer Checkliste durchforstete er Sammlungen, Museen und Verzeichnisse und entdeckte so die ältesten Würfel der Welt. Details seiner Suche veröffentlichte der Wissenschaftler in der Fachzeitschrift American Antiquity.

Bisher hielten Würfel aus Mesopotamien, dem heutigen Nahen Osten, den Rekord. Sie sind etwa 5.500 Jahre alt und stammen aus der frühen Bronzezeit. Die nordamerikanischen Würfel sind mehr als doppelt so alt.

Neue Checkliste dank altem Buch

Das Werkzeug für die Entdeckung war ebenfalls seit langem öffentlich, genau gesagt seit 119 Jahren. 1907 veröffentlichte der Ethnograf Stewart Culin sein Buch „Games of the North American Indians„. Darin beschrieb er knapp 300 Würfelsets der indigene Völker Nordamerikas. Madden wertete Cullins Buch aus und erstellte eine Liste typischer Merkmale von Spielsteinen.

Anschließend glich er die Liste mit prähistorischen Funden ab. So identifizierte er über 650 Würfel oder würfelähnliche Objekte, die Forscherinnen und Forscher bisher falsch oder gar nicht erkannt hatten.

Auszug aus dem Buch „Games of the North Amercian Indians“.

Würfel aus Knochen und Steinen

Die nordamerikanischen Würfel aus Knochen, Holz und Stein sind mehr als 12.000 Jahre alt und stammen aus zwölf US-Bundesstaaten, darunter Wyoming, Colorado und New Mexico. Einige der ältesten Exemplare gehören zur Folsom-Kultur, die kurz vor dem Ende der letzten Eiszeit existierte. Damals streiften Menschen noch als Jäger und Sammlerinnen durch Nordamerika. Sie jagten Bisons, Weißwedelhirsche und Kaninchen. Aus Fellen, Sehnen und Knochen der Tiere fertigten sie Kleidung, Werkzeuge – und Würfel.

Die prähistorischen Würfel unterscheiden sich von heutigen Standardwürfeln. Sie haben nur zwei statt sechs Seiten. Eine davon ist oft markiert. Einige Würfel sind flach wie Scheiben, andere oval oder länglich, wieder andere auf einer Seite rund und auf der anderen flach. Geworfen wurden die Würfel oft in Gruppen, wobei die markierten Seiten verschiedene Ergebnisse ermöglichten.

Prähistorische Würfel aus Nordamerika.

Glücksspiel als kulturelle Praxis

Besonders beeindruckt Madden die Kontinuität: Über mehr als 12.000 Jahre hinweg hätten sich Würfelspiele in manchen indigenen Gemeinschaften erhalten, teils bis heute. Glücksspiel in Nordamerika sei daher keine europäische Übernahme, sondern eine eigenständige, uralte kulturelle Praxis. Das deute darauf hin, dass prähistorische Gruppen in Nordamerika eine Vorreiterrolle bei der Erfindung von Würfeln und Glücksspielen einnahmen.

Die Funde werfen auch ein neues Licht auf die soziale Rolle des Spiels in frühen Gesellschaften. Madden zufolge diente Glücksspiel nicht nur der Unterhaltung. Es förderte Kontakte zwischen Gruppen, erleichterte Handel und entschärfte Konflikte. Bei Würfelspielen wechselten teils erhebliche Werte die Besitzerin oder den Besitzer, etwa Felle, Werkzeuge oder Kleidung.

Uraltes Verständnis von Wahrscheinlichkeiten

Mathematikhistorikerinnen und -historiker sehen die Erfindung von Würfeln und Glücksspielen zudem als einen frühen Schritt zum Verständnis von Zufall und Wahrscheinlichkeit. Würfel erzeugen Ergebnisse, auf die sich die Wahrscheinlichkeitsrechnung anwenden lässt. Die Herstellung und Nutzung von Würfeln markiere somit den Beginn bewusster Versuche, Zufallsereignisse zu kontrollieren, zu beobachten und zu analysieren.

„Die Bedeutung des Würfels als Werkzeug zur Erforschung des Zufalls zeigt sich auch darin, dass unser modernes Verständnis der Wahrscheinlichkeitstheorie bei Mathematikern des 16. und 17. Jahrhunderts wie Cardano, Galileo, Fermat und Pascal wurzelt“, schreibt Madden. Diese Mathematiker untersuchten die Prinzipien hinter Würfelwürfen in Glücksspielen.

Forschungen zu Geschlechterrollen

Für Madden sind seine Ergebnisse nur der Anfang. Weitere Untersuchungen zu Würfeln und Glücksspielen könnten noch mehr offenbaren, zum Beispiel Details über die soziale Organisation, Religion und Weltanschauung der indigenen Völker Nordamerikas. Madden fände es spannend, Untersuchungen zu Geschlechterrollen durchzuführen.

Hinweise würden darauf hindeuten, dass Würfelspiele der indigene Völker Nordamerikas geschlechtsspezifisch waren. Eine Analyse von 131 dokumentierten Spielen zeige: In 81 Prozent der Fälle spielten Frauen alleine, in 12 Prozent beide Geschlechter gemeinsam und in 7 Prozent ausschließlich Männer. „Weitere Forschungen könnten klären, ob sich dieses historische Muster bis in die prähistorische Vergangenheit zurückverfolgen lässt“, schreibt Madden. Falls ja, könne das darauf hindeuten, dass Frauen eine führende Rolle bei sozialen und intellektuellen Innovationen spielten, die mit Würfeln und Glücksspielen verbunden sind.

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