Wir Spielekritiker, Experten und Scharlatane

Sind Spiele-YouTuber auch Spieleexperten? Und wenn nicht, müssten sie es sein? Darüber diskutieren momentan einige Personen aus der Brettspielszene. Die zwei Fragen gehen am Kern des Problems vorbei. Ein Kommentar.


Es nervt. Die Diskussion gab es schon früher, gibt es heute und wird es auch morgen geben. Es geht um die Frage: Wer oder was sind wir? Wir, die über Spiele schreiben und senden. Sind wir Blogger, Journalisten, Kritiker, Influencer, Experten, Entertainer oder vielleicht sogar nur Scharlatane? Auslöser für die Diskussion war ein Video von Florian Aengenendt auf seinem Kanal Get on Board. Darin sagt er unter anderem, er sei kein Spieleexperte.

Sven Siemen von Brettballet griff das Thema auf und sieht sich auch nicht als Spieleexperte. Christoph Post von der Brettspielbox widersprach.

In seinem Video “Out of the Box VI 2020” sagt er unter anderem:

Das, was ihr hier von mir bekommt, sind immer meine persönlichen Eindrücke. Aber nichtsdestotrotz sind die fundiert. Von daher behaupte ich schon, dass wir Experten sind.

Christoph hat Recht. Die Diskussion ist trotzdem müßig. Erstens sind die Begriffe nicht eindeutig definiert. Jeder kann sich in Deutschland Experte nennen, Journalist sowieso; Lieschen Müller ebenso wie Anne Will oder Ulrich Wickert. Die Berufsbezeichnung Journalist ist nicht geschützt. Auch der Begriff Influencer ist mindestens so schwammig wie Sponge Bob, schließlich gibt es sogar Nano-, Micro- und Macroinfluencer. Erschwerend kommt hinzu, dass einige YouTuber nicht nur im Spiel, sondern auch im echten Leben gleich in mehrere Rollen schlüpfen. Hunter und Cron sind Vlogger, Influencer sowie Unternehmer, trotzdem dürfen sie neuerdings für die Frankfurter Rundschau schreiben. Sind sie dadurch auch Journalisten? Es ist für die Katz, den Hund und das Pferd, über diese und andere Begriffe zu diskutieren und sich daran abzuarbeiten. Viel wichtiger ist etwas anderes: das richtige Selbstverständnis, mit dem wir über Spiele berichten und die Transparenz gegenüber unseren Zuschauern, Lesern und Hörern.

Gewissenhafte Auseinandersetzung mit Spielen

Einige Spieleblogger und YouTuber halten sich deshalb an den Pressekodex. Darin steht:

Verleger, Herausgeber und Journalisten müssen sich bei ihrer Arbeit der Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit und ihrer Verpflichtung für das Ansehen der Presse bewusst sein. Sie nehmen ihre publizistische Aufgabe fair, nach bestem Wissen und Gewissen, unbeeinflusst von persönlichen Interessen und sachfremden Beweggründen wahr.

Dazu gehört es nicht nur, Werbung und Redaktion zu trennen, sondern auch, Beiträge vor der Veröffentlichung sorgfältig auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen. Also sich mit den Spielen, um die es geht, gewissenhaft auseinanderzusetzen. Was ist damit gemeint? Für die Beantwortung dieser Frage werfen wir unsere T.I.M.E. Machine an und reisen in die Vergangenheit. Bernward Thole schrieb 1992 den Artikel “Umrisse einer Spielekritik”. Darin steht: „Spielekritik soll über das relevante Spiele-Angebot informieren. Spielekritik soll die Form und den Inhalt wichtiger Spiele darstellen, um dem Spieler eine Auswahl zu ermöglichen. Spielekritik soll eine negative Erscheinung kritisieren, positive Entwicklungen herausheben. Spielekritik soll zum Spielen motivieren. Spielekritik soll das soziale und kulturhistorische Umfeld kennzeichnen, in die das Spiel hineingestellt ist.“

Anforderungen an einen Spielekritiker

Thole spricht in seinem Artikel stets von Spielekritiken, meint damit aber nicht nur klassische Rezensionen, sondern explizit auch Glossen, Polemiken, Essays, Reportagen, Geschichten, Interviews und Dialoge. YouTube und Podcasts haben das Repertoire an Darstellungsformen nochmals erweitert, zum Beispiel um Top-10-Listen oder Let’s Plays. Wie lassen sich laut Thole die von ihm genannten Kriterien erfüllen?

Die Wahrnehmung dieser Aufgaben fordert vom Spielekritiker eine breite Spielpraxis, darüber hinaus ein ständig, ergänztes und reflektiertes historisches und theoretisches Wissen, und, last but not least, auf dieser Basis gewonnene ästhetische Maßstäbe, erkennbare Standpunkte, die eine Auseinandersetzung ermöglichen.

Wer all diese Anforderungen erfüllt, ist definitiv ein Spieleexperte. Doch das ist schwer, denn wir begegnen wieder unserem Anfangsproblem. Was meint Thole damit genau? Wie definiert man breite Spielpraxis und reflektiertes historisches und theoretisches Wissen? Welche verspielte Allgemeinbildung müssen YouTuber, Podcaster oder Blogger besitzen? Wie viele Spiele des aktuellen Jahrgangs müssen wir gespielt haben? Müssen wir moderne Klassiker wie Catan, Dominion oder Carcassonne kennen? Was ist mit Acquire, Diplomacy oder Axis & Allies? Was mit Skat, Go oder Mancala? Müssen wir wissen, dass Der Stern von Afrika ein beliebtes Brettspiel in Finnland ist? Müssen wir das Buch Homo Ludens gelesen haben? Sollten wir Autoren wie Uwe Rosenberg oder Corné van Moorsel kennen?

Verantwortung gegenüber Zuschauern, Lesern und Hörern

Die meisten von uns sind keine hauptberuflichen YouTuber, Podcaster oder Blogger. Wir spielen und senden in unserer Freizeit. Und wir alle haben unterschiedliche Ansprüche an uns selbst und unsere Inhalte. Manche von uns bezeichnen sich als Kritiker, einige als Entertainer, andere als Experten. Egal, wie wir uns nennen, gibt es doch eine Sache, die uns vereint: Wir alle haben eine Verantwortung, vor allem gegenüber den Menschen, die unsere Artikel lesen, unsere Videos sehen und unsere Podcasts hören. Das sieht auch Christoph so, denn das anfangs erwähnte Zitat geht noch weiter.

Und wer sich hinstellt und einen YouTube-Kanal macht und sagt, er ist kein Experte, und er mache das nur Mal so und es braucht ja auch keiner zugucken, da muss ich sagen, es gehört ein bisschen mehr Verantwortung dazu. […]

Verantwortung bedeutet nicht, dass wir alle die von Thole genannten Anforderungen erfüllen müssen, um auf Sendung zu gehen. Aber wir sollten uns immer wieder bewusst machen, was wir tun und das auch transparent kommunizieren, so wie Florian es gemacht hat. Daumen hoch dafür. Wikipedia schreibt dazu: Verantwortung ist im Allgemeinen die (freiwillige) Übernahme der Verpflichtung, für die möglichen Folgen einer Handlung einzustehen und gegebenenfalls dafür Rechenschaft abzulegen oder Strafen zu akzeptieren. Sie setzt Verantwortungsgefühl und -bewusstsein, ein Gewissen sowie die Kenntnis der Wertvorstellungen sowie der rechtlichen Vorschriften und sozialen Normen voraus. Das ist es, worauf es ankommt, und nicht auf die Frage, ob wir uns Experten nennen oder nicht.

Dieser Artikel ist ein Kommentar und damit nur meine persönliche Meinung zu dem Thema. Wie seht ihr das? Haltet ihr eure Lieblingsblogger, -youtuber und -podcaster für Experten? Warum beziehungsweise warum nicht? Und wenn ihr selbst auf Sendung seid, stimmt ihr der These zu, dass wir eine Verantwortung gegenüber unseren Lesern, Zuschauern und Hörern haben? Wenn ja, worin besteht diese? Und haben wir auch noch anderen Gruppen gegenüber eine Verantwortung, zum Beispiel gegenüber Verlagen oder Autoren, deren Spiele wir besprechen?

Weitere Beiträge

Ein Gedanke zu „Wir Spielekritiker, Experten und Scharlatane“

Schreibe einen Kommentar