Traue keiner Statistik

Pfiffige Pressesprecher finden in jeder Statistik eine Entwicklung, die zu den eigenen Unternehmens- oder Branchenzielen passt. Wer keine Lust hat, sich durch Zahlenkolonnen zu wühlen, kann alternativ eine Umfrage in Auftrag geben. Da kann man Fragen so stellen, dass genau das Ergebnis rauskommt, das gesucht wurde. Beispiel gefällig? Stellen wir uns die Frage: Was ist in Deutschland beliebter? Computer- oder Brettspiele?


Hinweis: Der Artikel erschien erstmalig 2010 auf zuspieler.de

Computerspiele beliebter als Brettspiele

“Computer- und Videospiele stehen auf den Weihnachts-Wunschzetteln weit vorne. Selbst Deutschlands Senioren setzen sich zu Weihnachten lieber an die Konsole oder den PC als an das Spielbrett: Acht Prozent der 55- bis 64-Jährigen wünschen sich zum Fest ein Computer- oder Videospiel. Ein Gesellschaftsspiel möchten dagegen nur sechs Prozent unter dem Weihnachtsbaum finden”, schreibt Electronic Arts Deutschland in einer Pressemitteilung. Diese Zahlen stammen aus einer aktuellen repräsentativen Online-Umfrage von TNS Emnid im Auftrag von Electronic Arts Deutschland.

Nach diesen Daten, die Objektivität vermitteln sollen, gilt es in einer guten Pressemitteilung, die eigenen Produkte in den Mittelpunkt zu stellen. „Das Ergebnis der Umfrage überrascht uns nicht. Spiele wie FIFA 11, Need for Speed Hot Pursuit, Die Sims 3 und Monopoly Streets bringen Spaß und bieten Entspannung – unabhängig vom Alter. Wir erwarten, dass der Anteil der älteren Gamer deshalb in den nächsten Jahren weiter wachsen wird“ sagt Dr. Olaf Coenen, Geschäftsführer von Electronic Arts Deutschland.

Nachdem das gelungen ist, kann es weiter im Pressetext gehen: “Auch in den anderen Altersgruppen liegen elektronische Spiele vorne. So hat in der Gruppe der 16- bis 24-Jährigen jeder Dritte (35 Prozent) ein Computer- oder Videospiel auf dem Wunschzettel – Gesellschaftsspiele kommen auf 29 Prozent, Musik-CDs auf 27 Prozent. Insgesamt wünschen sich 13 Prozent der Deutschen im Alter zwischen 16 und 64 Jahren ein Computer- oder Videospiel zu Weihnachten.”

Brettspiele beliebter als Computerspiele

Natürlich kennt auch die Spielwarenbranche den Trick mit den Zahlen. Sie schreibt: “Nach zehn mageren Jahren war das Krisenjahr 2009 unerwartet erfolgreich. Es gab schlichtweg keine Krise im Spielzeugland. Im laufenden Jahr stehen die Zeichen für klassisches Spielzeug [zu dem auch Karten- und Brettspiele gehören, die Red.] weiter auf Wachstum. Im Vergleich dazu: Noch im Jahr 2008 verzeichneten Computerspiele höhere Zuwachsraten als klassisches Spielzeug. Nach einem starken Rückgang in 2009 ist der Umsatz mit Bildschirmspielen im ersten Halbjahr 2010 weiter um 4 Prozent gesunken.” Mit dieser Aussage sieht die Welt doch gleich anders aus und Weihnachten kann ruhig kommen.

“Klassisches Spielzeug steht nach wie vor ganz oben auf den Wunschzetteln. […] Der Arbeitsmarkt ist in guter Verfassung, die Konjunktur sowieso. Das hilft dem Konsum. Die Verbraucher gehen munter, aber weiterhin bewusst einkaufen. Sofern das Umfeld so positiv bleibt, ist davon auszugehen, dass die Spielwarenbranche in diesem Jahr ein starkes Weihnachtsgeschäft, besser als letztes Jahr, erleben wird”, heißt es in der Pressemitteilung weiter.

Na dann sind ja alle zufrieden.

Und wer mehr zu Statistiken und der Treffsicherheit von Prognosen im Allgemeinen wissen möchte, dem sei der ARD-Beitrag “Im Land der Lügen – Warum Zahlen uns täuschen können” empfohlen.

Hinweis: Ursprünglich war hier der ARD-Beitrag ” Propheten und Moneten” verlinkt, der aber nicht mehr online ist.

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