Reinhold Wittig gestorben: Ein Leben für Spiele, Kunst und Göttingen

Reinhold Wittig ist tot. Er starb am 11. April 2026 in Göttingen. Mit ihm verliert die Spieleszene einen ihrer kreativsten Köpfe. Ein Nachruf auf einen Künstler, Verleger, Autoren und auf sein Perlhuhn.


Weder ein Nilpferd in der Achterbahn, noch Schlangen auf Leitern können es mit dem Perlhuhn aufnehmen. Das Tier hat die deutsche Spiellandschaft wie kein anderes geprägt, dank Reinhold Wittig.

Wie ein Perlhuhn pickte Wittig alles auf, was ihm begegnete. Bierdeckel inspirierten ihn ebenso wie Würfel. Schrott wurde zu Kunst, Ideen zu Veranstaltungen. Er erfand Hunderte Spiele. 1976 gründete er den Verlag Edition Perlhuhn, 1983 das Spieleautoren-Treffen in Göttingen, 1988 legte er den Grundstein für die Gründung der Spiele-Autoren-Zunft (SAZ). Wittig war ein Macher, ein Tausendsassa.

„Alles, was ich in meinem Leben anging, betrieb ich professionell – Lehre und Forschung in Geologie, Kunst, Astronomie, Marionettenbau, Theater und natürlich das Erfinden von Spielen. Ich war immer voll dabei – aber nicht in jedem Augenblick bei allem gleichzeitig.“

Reinhold Wittig

Göttingen und Wittig: Eine wechselseitige Prägung

Wittigs Verlag Edition Perlhuhn saß in der Straße „Am Goldgraben“, am Rande der Göttinger Innenstadt. Die Stadt prägte Wittig und er prägte sie. In Göttingen wurde er 1937 geboren. Dort arbeitete, spielte und künstlerte er. Seit 1974 steht Wittigs Spiellokomotive aus Bronze in der Fußgängerzone. 2003 schuf Wittig den Göttinger Planetenweg, eine maßstabsgetreue Nachbildung unseres Sonnensystems. Zwei Milliarden Weltraum-Kilometer entsprechen einem Göttingen-Kilometer. Wittig und seine Frau Karin gestalteten die Sonne und Planeten als Bronze-Stelen.

Foto: Sönke Rahn, CC BY-SA 3.0

1964 gründete Wittig in Göttingen die Marionettenbühne „Collegium magicum“. Mit ihren eigenwilligen Figuren und experimentellen Aufführungen erlangte sie bald überregionale Bekanntheit.

Nie zuvor hatte das Publikum Derartiges gesehen. Schnell wurden sie zum Stadtgespräch und bei jeder weiteren Aufführung gab es ein paar Zuschauer mehr. Obwohl oder vielleicht gerade, weil sie kaum der verbreiteten Vorstellung von Figurentheater entsprachen. Nicht ein gesprochenes Wort, eher abstrakte Handlungsverläufe bar jeder Kulisse, nur begleitet von experimentellen Klängen und zeitgenössischen und barocken Kompositionen.

Matthias Wittig

Über 200 Marionetten baute Wittig selbst aus Metall, Holz und Kunststoff.

Auch beruflich war Göttingen Wittigs Heimat. Als promovierter Geologe arbeitete er bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2002 am Geologischen Institut der Universität Göttingen.

Durchbruch als Spieleautor: Ein Spiel ohne Regeln

Parallel begann er in den späten 1950er-Jahren, Spiele wie Wikingerschach und Piratenbilliard zu entwickeln – zunächst ohne kommerziellen Anspruch. Seine spielerische Karriere nahm 1974 Fahrt auf, als der Göttinger Kunstverein ihn bat, eine spielbare Grafik zu veröffentlichen.

“Damals tat er das, was er schon mit seinen Marionetten vielfach getan hatte: Er nutzte Alltagsmaterialien dafür, in diesem Fall Schraubenmuttern. Die Wabenform inspirierte ihn zu dem Titel Wabanti. Eine Schachtel gab es noch nicht, die Muttern und die Würfel waren in einem Beutel. 24 durchnummerierte Exemplare gab es, und die Reaktionen waren so gut, dass er zwei Jahre später zusammen mit seinem Freund Hubertus Porada einen Spieleverlag gründete, nämlich die Edition Perlhuhn”, erinnert sich Hilko Drude auf seinem Blog “Du bist dran!” .

Das Spiel, Abcus-Version aus dem Jahr 2011
Foto: Abacusspiele

Der Durchbruch gelang 1979 mit der Würfelpyramide Das Spiel. Doch war es überhaupt ein Spiel? Johan Huizinga schrieb 1938 in seinem Buch „Homo Ludens“, dass ein Spiel unbedingt bindende Regeln brauche. Wittig widersprach: Seine Erstauflage enthielt keine. In der Schachtel befanden sich nur 281 farbige Würfel sowie eine Plattform zum Stapeln der Würfel. Wittig forderte die Spieler auf, selbst kreativ zu werden, mit Zahlen, Farben und Zufall zu experimentieren. Der ehemalige Ravensburger-Programmleiter für Spiele Erwin Glonnegger war begeistert.

„Dieses Spiel ist ein Meilenstein auf dem Weg, der im Deutschland des ausgehenden 20. Jahrhunderts zu einer Kultur des Gesellschaftsspiels führte, wie sie seither einmalig ist.“

Erwin Glonnegger

Das Spiel gibt es immer noch. Seit 2004 ist es bei Abacusspiele im Programm, 2026 soll eine überarbeitete Auflage erscheinen.

Ein weiterer Erfolg: Mit Piratenbilliard erreichte Wittig 2013 ein Millionenpublikum. Es war das zehnte Spiel in der Fernsehsendung „Schlag den Raab”. Herausforderer André besiegte Stefan Raab 7:2.

Edition Perlhuhn: Kreativer Spieleverlag

Wittig begann 1970 im heutigen Namibia mit geologischen Forschungen zu prähistorischen Erdbeben. In Zusammenarbeit mit seinem Kollegen Hubertus Porada entwarf er dort außerdem großformatige Kalender, die viel Erfolg hatten. Doch wie sollte der Verlag heißen, der sie verkauft?

“Wir suchten nach einer Benennung, die die afrikanischen Wurzeln hervor hob und ,Gesellschaftsform’ neutral sein sollte und auch schon etwas auf Kunst hinwies: Edition passte vorzüglich. Mit dem Tiernamen haben wir uns etwas schwerer getan. Edition Löwe? Edition Geier? Unmöglich. Perlhuhn? Die Spannweite von ,Blindes Huhn findet auch mal ein Korn’“‘ bis ,Perlen vor die Säue werfen’“‘ gab 1976 den Ausschlag: Edition Perlhuhn.“

Reinhold Wittig
Aus diesem Foto entstand das Logo (und wohl auch der Name) der Edition Perlhuhn. Foto: Hilko Drude, Du bist dran!

Die meisten der rund hundert Spiele der Edition Perlhuhn erschienen in kleinen Auflagen, branchenunüblich oft in Pappröhren verpackt. Die Verbindung von Spiel und Kunst blieb für Wittig dabei immer ein Anliegen – fünfmal wurden seine Spiele mit dem Sonderpreis für das schöne Spiel der Jury Spiel des Jahres ausgezeichnet.  Auch auf der Empfehlungsliste landeten mehrere seiner Werke. 2020 wurde er in die Hall of Fame der Academy of Adventure Gaming Arts & Design (GAMA) aufgenommen, eine der höchsten Auszeichnungen im internationalen Tabletop-Bereich. 2003 ehrte ihn die Stadt Göttingen mit ihrer Ehrenmedaille.

2002 gründete Wittig in Zusammenarbeit mit dem Unternehmen Driehoek „Namibian Games“ – eine Spieleproduktion, bei der einheimische Handwerkerinnen und Handwerker mit regionalen Materialien arbeiteten. Hier verbanden sich seine geologischen Forschungen in Afrika und seine Spieleleidenschaft.

“Mein Traum vom perfekten Spiel ist alles, was die Gesellschaft voranbringt – ein großer Anspruch, ich weiß. Man darf ihn aber im Blick behalten, und verfolgen man muss sogar.“

Reinhold Wittig

Joe Nikisch bewahrt das spielerische Erbe von Wittig. Der Gründer von Abacusspiele war ein enger Freund. In seinem Onlineshop bündelt Nikisch Restbestände der Edition Perlhuhn und ergänzt sie für kleine Neuauflagen. “Wittig hat bewiesen, dass ein Spiel mehr sein kann als nur ein Zeitvertreib: Es ist Ästhetik, Gemeinschaft und Inspiration. Seine Leidenschaft, seine Liebe zum Detail und sein unverwechselbarer Blick auf die Welt werden uns fehlen“, heißt es in einem Nachruf auf dem Instagram-Kanal von Abacuspiele

Spieleautor*innen-Treffen in Göttingen

Spieleautor*innen-Treffen 2025. Foto: Spiele-Autoren-Zunft (SAZ)

Gemeinsam ist man stark: Das gilt für Perlhühner ebenso wie für Spieleautorinnen und -autoren. Perlhühner leben außerhalb der Brutzeit in sozialen Gruppen. Auch das Spieleautorentreffen schuf und schafft soziale Verbindungen. Autorinnen und Autoren tauschen sich dort aus und präsentieren ihre Prototypen. Wittig rief die Veranstaltung ins Leben.

Das jährliche Treffen befreundeter Spieler, Spieleautoren und Spielekritiker in Göttingen im Haus der künstlerisch ambitionierten Kleinverleger Karin und Reinhold Wittig wuchs sich zu einer Größe aus, die bald den privaten Rahmen sprengte. Die Wittigs formten die private Zusammenkunft um zum jährlichen Göttinger Spieleautorentreffen.

Tom Werneck

Das erste Treffen fand an zwei Tagen im Januar 1983 im Künstlerhaus in Göttingen statt. Etwa 50 Personen kamen zusammen. Später zog die Veranstaltung in die Stadthalle, wo sie bis heute jährlich Anfang Juni stattfindet. Als Wittig 80 Jahre alt wurde, übergab er 2017 die Organisation an die Spiele-Autoren-Zunft (SAZ), die das Treffen seither gemeinsam mit der Stadt weiterführt.

Aus der Kurzdarstellung der vorgestellten Spiele entstand das Magazin Spiel & Autor. Die Zeitschrift, vor allem für Verlage gedacht, bot auch Spieleautorinnen und -autoren eine Plattform. Die vorerst letzte Printausgabe erschien 2018.

Gründung der Spiele-Autoren-Zunft (SAZ)

Fünf Jahre später, im Februar 1988 unterschrieben auf dem Perlhuhn-Abend am Rande der Spielwarenmesse in Nürnberg auf Initiative von Wittig zwölf Autoren und eine Autorin eine Proklamation auf einem Bierdeckel. Darauf stand: „Keiner von uns gibt ein Spiel an einen Verlag, wenn sein Name nicht oben auf der Schachtel steht.“

Zu den Unterzeichnerinnen und Unterzeichnern gehörten neben Wittig unter anderem Erwin Glonnegger, Knut Michael Wolf, Wolfgang Kramer, Joe Nikisch, Gilbert Obermeier, Alex Randolph, Johann Rüttinger und Ilse Dreher-Plonka.

Der Bierdeckel legte den Grundstein für die Gründung der Spiele-Autoren-Zunft (SAZ). Auf einem Spielfest in Graz trafen sich Bücken, Kramer und Randolph erneut. Sie beschlossen , die Gründung weiter voranzutreiben. Ihr Ziel war es Spieleautorinnen und -autoren sichtbarer zu machen, ihre Namen auf Schachteln zu platzieren, faire Verträge mit Verlagen zu fördern und das Kulturgut Spiel zu stärken. 1991 wurde die SAZ auf der Messe Spiel in Essen offiziell gegründet.

“Ein Beschluss der ersten Mitgliederversammlung war die Ernennung Reinhold Wittigs zum Ehrenmitglied der SAZ. Alle waren sich einig, dass Wittig diese Ehrung in höchstem Maße verdient hatte. Sein Göttinger Spieleautorentreffen war der Nährboden gewesen, in dem die Spieleautoren zu ihrer Identität und ihrem Selbstverständnis gefunden hatten, was letztlich zur Gründung der Spieleautorenzunft geführt hatte.“

Klaus Teuber

Wittig engagierte sich auch politisch. „Er schrieb schon 1985 zahlreiche Landes- und Bundesministerien an, um für die Brettspielkultur in Deutschland eine politische Anerkennung zu erreichen“, schreibt Jens Junge auf seinem Blog. Damals ohne Erfolg, heute ist „Brettspiele spielen“ Immaterielles Kulturerbe in Deutschland.

Lebendiges Vermächtnis

In den 1980er-Jahren nahm die deutsche Spieleszene Gestalt an. Die Jury „Spiel des Jahres“ verlieh ab 1979 Preise. 1981 erschien die erste Ausgabe der Spielbox, 1983 fanden die ersten Internationalen Spieltage in Essen statt. Im selben Jahr initiierten Karin und Reinhold Wittig das erste Spieleautorentreffen in Göttingen. Diese Säulen bilden bis heute das Fundament der Brettspielkultur in Deutschland.

Reinhold Wittig hat die deutsche Spielekultur auf drei Ebenen geprägt: als produktiver Autor mit zeitlosen Titeln wie SpielVolta und Piratenbillard; als Verleger, der Spiele konsequent als Kunstgegenstände behandelte; und als Aktivist, der mit einem Bierdeckel dafür sorgte, dass Spieleautoren heute namentlich auf den Schachteln stehen.

Christoph Post, Brettspielbox

Ohne Wittig und sein Wirken würde die Spieleszene anders aussehen. Vielleicht passte deshalb das Perlhuhn so gut zu ihm: ein waches, eigensinniges Tier, immer in Bewegung, immer auf der Suche.

Aktualisierung am 16. April 2025
Auch die Spiele-Autoren-Zunft (SAZ) trauert um Wittig. Auf ihrer Homepage hat sie einen Nachruf veröffentlicht. Darin steht unter anderem: „Als 1991 die Spiele-Autoren-Zunft gegründet wurde, war Reinhold tatsächlich nicht unter den Gründungsmitgliedern – wohl aber seine damalige Frau Karin. Eine Spiele-Autoren-Zunft ohne Reinhold war offenbar nicht vorstellbar, so dass er noch im Gründungsjahr zum Ehrenmitglied ernannt wurde. Gab es überhaupt Spieleautoren vor Reinhold Wittig? Natürlich gab es sie, doch vor dem Wirken von Reinhold führten sie größtenteils an anonymes Schattendasein und wurden von den Spielern und Verlagen kaum als die Schöpfer ihrer Werke wahrgenommen. Reinhold hat mit dem Begriff des ‚Spieleautoren‘ den kulturellen und künstlerischen Anspruch des Erschaffens von Spielen unterstrichen und der Spieleautorenschaft zu einem selbstbewussten Selbstverständnis verholfen.“

Das Haus des Spiels schreibt auf Facebook unter anderem: „Die berühmte Donnerstags-Proklamation wurde auf seine Initiative hin auf einem Bierdeckel festgehalten: ‚Keiner von uns gibt ein Spiel an einen Verlag, wenn sein Name nicht oben auf der Schachtel steht.‘ Das Deutsche Spielearchiv ist nach wie vor sehr geehrt, dieses wertvolle Gründungsdokument aufbewahren zu dürfen. Reinhold Wittig schickte diesen Bierdeckel (unterzeichnet während der Nürnberger Spielwarenmesse) damals nach Marburg zur sicheren Verwahrung an Bernward Thole – mit dem augenzwinkernden Vermerk, diesen bitte nicht als Bierdeckel zu benutzen.

Aktualisierung am 21. April 2026
Jochen Corts erinnert auf spiel-des-jahres.de an Wittig. Er schreibt unter anderem: „Um ein glaubhaftes Gesamtbild von Person und Werk zu zeichnen und den Eindruck bloßer Lobhudelei zu vermeiden, darf nicht verschwiegen werden, dass Reinhold Wittig ein ausgemachter Egozentriker war, der seinem Umfeld einiges an Nachsicht abverlangte. Dies gelang ihm jedoch zumeist durch Charme, Humor und Großzügigkeit. Mit erkennbarem Vergnügen hat er sich selbst einmal sogar als „unbequembar“ bezeichnet. […] Der biologische Name des Perlhuhns (Numida meleagris) leitet sich von Meléagros ab, einer Gestalt der griechischen Mythologie. Als dessen Schwestern nicht aufhören konnten, seinen Tod zu beweinen, sollen sie von der Göttin Artemis zur Linderung ihres Leids in eben diese Vögel verwandelt worden sein. Eine Vogelart, deren Musterung ihres Gefieders nicht nur wie Perlen, sondern eben auch wie Tränen aussieht. Manch eine davon wird jetzt im stillen Gedenken an Reinhold Wittig dazugekommen sein.“

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