Spielen in Thailand

Aydan Stuart wusste nicht, worauf er sich einlässt. Der Journalist des thailändischen Magazins Citylife wollte nur eine interessante Geschichte erzählen. Doch während der Recherche wurde er angefixt. Das Thema faszinierte ihn. Er traf sich immer wieder mit seinen Gesprächspartnern – nicht aus beruflichen Gründen, sondern zum Spaß. Stuart schrieb einen Artikel über die Brettspielszene in Chiang Mai. Inzwischen ist er selbst ein fester Bestandteil davon und süchtig nach Gesellschaftsspielen. Damit befindet sich der Journalist in Thailand in guter Gesellschaft.


Hinweis: Der Beitrag erschien erstmals 2016 in der spielbox.

Manchmal sagen Fotos mehr als Worte. Vor allem, wenn hunderte Bilder sich gleichen und immer wieder ähnliche Motive zeigen: Junge Thais sitzen an einem Tisch und lachen. Sie halten Karten in der Hand. Vor ihnen liegen Würfel, Figuren oder Pappmarker. Solche Fotos finden Interessierte zu Hauf auf Facebook, Whatsapp und Instagramm. Die Bilder veröffentlichen vor allem Jugendliche und Studenten. Sie finden es lässig, sich beim Spielen zu fotografieren. Könnten die Fotos sprechen, würden sie sagen: „Schaut uns an. Wir sind der Beweis dafür, dass Brettspiele in Thailand immer beliebter werden.“. Das gilt nicht nur in der Hauptstadt Bangkok, wo allein Google Maps neun verspielte Cafés kennt, sondern auch in kleineren Städten wie zum Beispiel Chiang Mai.

Chiang Mai liegt im Norden von Thailand, in der Nähe von Laos und Myanmar. In der Stadt leben etwa 135.000 Menschen, 276 von ihnen sind Mitglieder der Facebook-Gruppe „Chiang Mai Board Game“. Eines Tages stolperte der Journalist Stuart über die Gruppe und war irritiert. Er schrieb seit Jahren über die Stadt, hatte jedoch noch nie von den Brettspielern gehört. Anscheinend wuchs die Szene seit Jahren und war sehr aktiv. Stuart entschied sich, einen Artikel über das Phänomen zu verfassen. Er begann seine Recherche und fand schnell den Universitätsprofessor Stuart Shannon. Shannon kam vor einigen Jahren in die Stadt, unterrichtete an der Payap-Universität und gründete einen Spieletreff, den Payap Game Club. Inzwischen hat Shannon Chiang Mai wieder verlassen. Sein Spieletreff existiert aber immer noch.

Die Studenten: Gesicht wahren

Dienstag, 16:00 Uhr, Payap-Universität: Der 22-Jährige Isaac Schubert öffnet die Tür zu einem Vorlesungsraum. Eine Klimaanlage surrt und wirbelt kalte Luft durch das Zimmer. Weiße Tische stehen in Reih und Glied. Vormittags lauschen hier Stunden ihren Professoren, wenn diese über „International Business Management“ oder „Information Technology“ referieren. Dienstag nachmittags stehen Spiele auf dem Stundenplan. Der US-Amerikaner Schubert ist seit 2014, seit dem Weggang von Shannon, verantwortlich für den Payap Game Club. Jede Woche öffnet er den Raum mit den weißen Tischen, legt Bohnanza, Takenoko, Phase 10, oder Machi Koro darauf und spielt mit etwa zehn Studenten der Privatuniversität. Neue Mitspieler zu finden, ist komplizierter als gedacht, trotz der Brettspiel-Begeisterung in Thailand. Anwesende Studenten erzählen ihren Freunden zwar euphorisch von den Treffen, aber sobald die Freunde erfahren, dass auch Ausländer mitspielen, verlieren viele das Interesse. Sie glauben, ihr Englisch sei zu schlecht. Ein weiteres Problem ist ein drohender Gesichtsverlust. In Thailand ist es sehr wichtig, seine Würde zu wahren. Niemand will sich selbst oder seine Umgebung in eine peinliche Lage versetzen. Es schreckt Thais ab, dass sie „falsche“ Entscheidungen in einem Spiel treffen könnten und vor den Mitspielern als dumm dastehen. „Thais bevorzugen außerdem Spiele ohne direkte Konfrontation. Es gefällt ihnen nicht, Mitspieler direkt zu attackieren“, sagt Schubert. Hoch im Kurs stehen deshalb – ähnlich wie in Vietnam (siehe spielbox 07/2015) einfache Spiele mit hoher sozialen Interaktion. Beliebt sind Die Werwölfe von Düsterwald und Der Widerstand: Avalon. Neben den wöchentlichen Dienstag-Treffen organisiert Schubert regelmäßig öffentliche Spieletage. Dann kommen fünfzig bis hundert Spieler aus ganz Chiang Mai zusammen. Werbung für diese Veranstaltungen macht der Student vor allem über das Internet. Es ist in Chiang Mai gefühlt das wichtigste Kommunikationsmedium für Spieler.

Der Händler: Hohe Abgaben

Besonders aktiv in der Facebook-Gruppe „Chiang Mai Board Game“ ist der Kanadier Jean-Sébastien Dupuis. Er lebt seit 2006 in Thailand und seit 2014 in Chiang Mai. Dupuis versorgt nicht nur den Journalisten Aydan Stuart, sondern alle Spieler der Stadt mit neuem Stoff. Er verkauft Brett- und Kartenspiele. „Bevor ich nach Chiang Mai kam, gab es dort zwar Brettspielcafés, aber anders als in Bangkok, keinen lokalen Fachhändler.“ Diese Marktlücke schloss Dupuis mit Golden Goblin Games, seinem eigenen Unternehmen. Dupuis begann seine Karriere mit einem Onlineshop. Das hielt die Investitionskosten gering. Inzwischen besitzt er auch einen Laden im Norden der Stadt, weit weg vom Zentrum, weit weg von den Touristenmassen, die durch die Altstadt flanieren. Im Zentrum sind die Mieten zu teuer. „Der Laden erleichtert den Einkauf, denn einige Großhändler beliefern keine reinen Online-Händler“, sagt Dupuis. Weitere Vorteile: In seinem Geschäft kann er Spiele auspacken und sie den Kunden vor Ort erklären. Die meisten Spiele, die in seinem Laden in den Regalen stehen, sind auf Englisch. Nur wenige werden in die thailändische Sprache übersetzt, zum Beispiel Die Siedler von Catan, Dixit, Camel Up oder Port Royal. Spontankäufe sind in Thailand selten. Spiele sind in dem asiatischen Land ein teurer Spaß. Zu den Transportkosten kommen zwanzig Prozent Import- sowie sieben Prozent Mehrwehrsteuer hinzu. Das schlägt sich in den Verkaufspreisen nieder. Catan: Das Spiel kostet bei Golden Goblin Games etwa 35 Euro. In Deutschland gibt es das Spiel im Catan-Shop für etwa 27 Euro, andere Online-Händler verkaufen es noch preiswerter. Die hohen Preise sind ein Grund, warum Brettspielcafés in Thailand so populär sind. Dort können Interessierte für wenig Geld Neuheiten und Klassiker ausprobieren und testen – zum Beispiel in der OpenBox.

Die Café-Betreiber: Spielend lernen

In Chiang Mai gibt es zahlreiche Spiele-Cafés. Vier davon hat der Journalist Stuart seinen Lesern empfohlen. Im ChubbyCat ist der Name Programm. Wer das Café besucht, wird von Katzen begrüßt. Auf das TimeCapsule kommen wir später zu sprechen. Im Meerkatto spielt der Händler Dupuis jeden Samstag mit Ausländern und Thais. Das Kulturgut Spiel verbindet dort die Kulturen. Und dann wäre da noch die OpenBox. Anders als im Meerkatto treffen, sich dort ausschließlich Thais. Etwa fünfzig Prozent der Gäste sind zwischen 15 und 18 Jahren alt, die andere Hälfte zwischen 20 und 35. Ältere Personen trifft man nicht.  Die OpenBox ist eher ein Spielraum statt ein Spiele-Café. Vor dem Laden parken Motorroller, ein schwarzes Banner mit gelber Schrift weist auf das verspielte Angebot hin. Innen sind die Wände weiß gestrichen, der Boden ist gefliest, an den Holztischen stehen weiße Plastikstühle. Das Fenster zur Straße reicht vom Boden bis zur Decke. Davor steht ein Regal mit Spielen, nicht nur mit Party-, sondern auch mit Kennerspielen wie Troyes, Le Havre oder Agricola. In anderen Cafés in Chiang Mai zahlen Gäste eine Spielgebühr von etwa 65 Cent pro Stunde. In der OpenBox kostet der komplette Tag so viel. Da es in der OpenBox keine Speisen und Getränke gibt, macht der Inhaber Narit Phusitrapa nicht viel Geld. Immerhin: In der zweiten Etage wohnt ein Freund zur Miete. Das hilft, die Kosten zu decken. In der Nähe der OpenBox steht eine Schule. Phusitrapa will in Zukunft mit den Lehrern kooperieren. Er sagt: „Unser Bildungssystem lehrt Schüler nicht, kritisch zu denken. Ich will das mit Spielen ändern. Beim Spielen lernt man Dinge, die nicht in der Schule gelehrt werden. Spiele sind mehr als nur ein spaßiger Zeitvertreib.“

Das vierte Café, das der Journalist Stuart in seinem Artikel erwähnt, ist das TimeCapsule. Es liegt in einem Wohngebiet und ist das schönste aller Spielecafés in Chiang Mai. Der Gastraum ist offen, geht in einen kleinen Garten über. Darin wachsen Palmen, Sträucher und Blumen. Wer möchte, kann unter freiem Himmel spielen. Von der weißen Wand blickt ein überdimensionaler Roboter, der die Arme in die Luft streckt. Der 28-Jährige Hiran Hiranpruck leitet das TimeCapsule. Unter der Woche arbeitet er als Architekt, deshalb ist das Café nur freitags, samstags und sonntags geöffnet. Im Magazin CityLife zitiert der Journalist Aydan Stuart Hiranpruck mit den Worten: „Die meisten Spieler, die ich kenne, haben die englische Sprache durchs Spielen gelernt.“ Dabei kommen im Payap Game Club wie auch im TimeCapsule vor allem einfachere Spiele auf den Tisch. „Viele Thais sind nicht mit Spielen aufgewachsen und kennen keine modernen Brettspiele. Wenn überhaupt,haben sie Uno oder einen Monopoly-Klon, der in Thailand ziemlich beliebt ist, gespielt“, sagt Hiranpruck. „Eltern setzen sich in Thailand auch normalerweise nicht mit ihren Kindern zusammen, um zu spielen. Das ändert sich jetzt langsam.“ Obwohl die Brettspielszene in Thailand wächst, sind Spiele noch lange nicht im Alltag präsent. Und noch etwas fehlt bisher: Es gibt kaum Spieleautoren aus dem eigenen Land. Hiranpruck ist einer von wenigen. Er hat das Brettspiel Capsule Collection erfunden. Darin bekämpfen sich Spieler mit Manga-Monstern.

Die bisher erwähnten Spielecafés richten sich vor allem an (angehende) Kennerspieler und liegen außerhalb des Zentrums von Chiang Mai. Doch auch in der Altstadt tauchen Brettspiele auf. Auf Nachtmärkten verkaufen Händler Holzspiele wie Tangram, Die Türme von Hanoi oder Domino. Und erste Touristen-Cafés setzen auf Brettspiele und werben damit. An der Scheibe des Kopi-O-Cafés hängt ein bunter Aufkleber mit Würfeln und Pöppeln. Darauf steht Kopi-O Board Game Cafe Corner. Die Spieleauswahl des Sandwich-Imbisses beschränkt sich auf fünf Spiele – Avalon, 6 nimmt, Toss Your Cookies, Die Siedler von Catan und My First Carcassonne – immerhin. Auch das Tawa, ein Bistro um die Ecke, wirbt mit Brettspielen. Dort können Besucher sich aus einer Menükarte Titel wie Glen More, Kingdom Builder oder Alhambra bestellen. Vielleicht werden Brettspiele in Zukunft nicht nur unter Thais, sondern auch unter Touristen noch beliebter. Und vielleicht wird der ein oder andere während seiner Reise süchtig danach – so wie der Journalist Aydan Stuart während seiner Recherche.

Thailand
Thailand liegt in Südostasien und grenzt an Myanmar, Laos, Kambodscha und Malaysia. In dem Land leben knapp 70 Millionen Menschen. Thailand ist seit 1932 eine konstitutionelle Monarchie. Staatsoberhaupt ist König Bhumibol Adulyadej. Er bestieg 1946 den Thron und ist der heute weltweit am längsten regierende Monarch. Im Jahr 2014 übernahm das Militär durch einen Putsch die Macht. Die Versammlungs-, Meinungs- und Pressefreiheit ist seitdem stark eingeschränkt. Thailand ist laut dem Auswärtigen Amt trotzdem für Deutschland einer der wichtigsten politischen Partner in der Region Südostasien. Nahezu 600 deutsche Firmen sind dort vertreten, darunter eine Vielzahl mittelständischer Unternehmen.

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