Spear’s Games: Virtuelle Reise durch die Spielegeschichte

Das Deutsche Spielearchiv ist das Gedächtnis der Spielebranche. Dort lagern mehr als 30.000 Gesellschaftsspiele. Wegen Corona ist es im Moment geschlossen. Mit Google Arts & Culture können Interessierte trotzdem in den Regalen stöbern und in die Historie von Spear’s Games eintauchen, ein Familienunternehmen, das Spielegeschichte geschrieben hat.


Francis und Hazel Spear schenkten dem Deutschen Spielearchiv Nürnberg 2017 einen Schatz: das Produktarchiv der Firma Spear. Es bestand aus mehr als 2.000 Gesellschaftsspielen und Dokumenten des Traditionsunternehmen. Wer möchte, kann ausgewählte Objekte der Sammlung seit Februar auch über Google Arts & Culture erkunden.

Angelspiel als Verkaufsschlager

Die Spear-Geschichte begann 1879. Damals gründete Jacob Wolf Spear in Fürth ein Import- und Exportgeschäft für Kurzwaren. Schon bald spezialisierte er sich auf die Herstellung und den Vertrieb von Spielen. In den folgenden Jahrzehnten wir J. W. Spear & Söhne zu einem der größten Spielehersteller Deutschlands. Ab 1899 produziert die Firma in zweiter Spear-Generation am neuen Standort in Nürnberg-Doos klassische Brettspiele wie Mühle, Dame und Halma sowie zahlreiche Gesellschafts-, Geschicklichkeits- und Beschäftigungsspiele. Sie verkaufen sich aufgrund der hochwertigen Ausstattung und intensiven Vermarktung hervorragend. Mit dem Magnetischen Angelspiel und den beliebten Tisch-Tennis-Sets gelingt es Spear, neue Klassiker zu etablieren.

“Arisierung” von J. W. Spear & Söhne

Die Weltwirtschaftskrise von 1929 übersteht J. W. Spear & Söhne dank geschickter Produktpolitik und der Gründung einer britischen Tochterfirma relativ unbeschadet. Mit der Machtübergabe an Adolf Hitler 1933 ist das jüdische Familienunternehmen aber zunehmend antisemitischer Hetze und Kaufboykotten ausgesetzt. Im Zuge der „Arisierung“ muss Firmendirektor Hermann Spear 1939 das Unternehmen weit unter Wert zwangsverkaufen. Von der vereinbarten Kaufsumme erhält die Familie keinen Pfennig. Profiteur der „Arisierung“ und neuer Firmenleiter ist der Nürnberger Unternehmer Hanns Porst. Bis zur kriegsbedingten Zerstörung der Fabrik verlegt er als „Euer Onkel Hanns“ weiterhin Spear-Klassiker, aber auch Propaganda-Versionen beliebter Brettspiele, etwa Bomben auf England oder Im Fluge durch Großdeutschland. Hermann Spear und elf weitere Familienmitglieder werden im Konzentrationslager ermordet.

Erfolg dank Scrabble-Lizenz

Ein Teil der Familie Spear kann rechtzeitig nach Großbritannien fliehen und das Geschäft in dem 1930 gegründeten Filialbetrieb in Enfield bei London fortführen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs muss Hanns Porst der Familie Spear die zerstörte Fabrik zurückgeben. Die Produktion in Nürnberg läuft nur langsam wieder an, Enfield wird zum Hauptstandort des Unternehmens. Mit dem Erwerb der Scrabble-Lizenz für Europa kann das Familienunternehmen in den 1950er Jahren wieder an seine Vorkriegserfolge anknüpfen. Spear’s Games gelingt in der Folge ein viel beachteter Börsengang, die Absatzzahlen steigen. Als sich das Unternehmen 1968 die weltweiten Vermarktungsrechte für Scrabble sichert, gehört Spear wieder zu den ganz großen Namen in der Spielebranche.

Mattel kauft Spear’s Games

In den 1980er Jahren werden die Karten in der Spielebranche neu gemischt: Shoppingcenter und Supermärkte verändern gewachsene Vertriebsstrukturen. Gleichzeitig entdecken Spielwaren-Giganten wie Hasbro und Mattel den Brettspielmarkt. Um weiter bestehen zu können, investiert Spear in Neuentwicklungen, legt erfolgreiche Klassiker neu auf und erwirbt Spielelizenzen. Die Firmenstandorte werden modernisiert, Aufkäufe anderer Spielehersteller und internationale Kooperationen sollen die Marktposition sichern. Im Zuge der Umstrukturierungen wird 1984 der Nürnberger Standort geschlossen. Die Sanierungsmaßnahmen zeigen die beabsichtigte Wirkung: Spear’s Games ist wirtschaftlich gesund, als Inhaber Francis Spear, geboren am 17. Juni 1931 in Fürth, und seine Frau Hazel Anfang der 1990er Jahre ihren Ruhestand planen. Da die Übergabe der Geschäftsführung an ein Familienmitglied nicht in Betracht kommt, werden Verkaufsverhandlungen in die Wege geleitet. 1994 erwirbt schließlich Mattel das Traditionsunternehmen.

Spear-Archiv als Geschenk

Über Jahrzehnte hinweg war am Nürnberger Standort ein Produktarchiv aufgebaut worden. Nach der Schließung der Fabrik 1984 werden die gesammelten Spiele und Dokumente nach Enfield gebracht und mit den dortigen Archivbeständen vereint. Als Mattel zehn Jahre später das Unternehmen aufkauft, bewahrt der geschichts- und familienbewusste Francis Spear die historische Spielesammlung vor der Auflösung. Es war ihm ein Anliegen, die wechselvolle Geschichte seiner Firma und seiner Familie nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Zusammen mit seiner Frau Hazel gründet er eine Stiftung zum Aufbau und Unterhalt des Spear’s Games Archive. Mit großem Engagement sichtet, ordnet und ergänzt er die wertvollen Spielebestände und Dokumente aus der Geschichte seines Unternehmens und seiner Familie. 1996 wird das private Spear‘s Games Archive in der Nähe von Ware/Hertfordshire eröffnet.

Aus gesundheitlichen Gründen kann Francis Spear die Sammlung nicht mehr länger betreuen. Um eine dauerhafte Fortführung des Spielearchivs zu sichern, ist es Francis Spear, seiner Gattin Hazel und den anderen Mitgliedern der Spear-Stiftung ein Anliegen, das Archiv mit allen Spielen, Bildern und sonstigen Dokumenten geschlossen nach Nürnberg abzugeben – als Geschenk an die Stadt, mit der das Familienunternehmen über Jahrzehnte in guten wie in schlechten Zeiten eng verbunden war. Angesichts des Unrechts, das seiner Familie in der Zeit des Nationalsozialismus zugefügt worden war, keine Selbstverständlichkeit. Das Archiv kehrt damit dorthin zurück, wo die Geschichte der Spear-Spiele einst begann. Mit Unterstützung der Familie Spear wird das Archiv inventarisiert und sukzessive digital zugänglich gemacht, zum Beispiel bei Google Arts & Culture.

Übrigens: Bei Google Arts & Culture findet man noch weitere Dokumente und Informationen zu Gesellschaftsspiele, unter anderem die Online-Ausstellungen American Board and Card Game History des National Museum of Play (USA), A Game of Thrones – How Chess Conquered the World des Salar Jung Museum (Indien) oder Womanopoly des Black Cultural Archives (Vereinigtes Königreich).

Alle Fotos in diesem Beitrag stammen von den Museen der Stadt Nürnberg, Deutsches Spielearchiv.

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